Die kleine Holzeisenbahn

Leise rieselte der Schnee, tanzte und wirbelte, bevor er sich vorsichtig setzte und auf meinen noch warmen Körper schmolz. Noch schmolz er doch bald schon würde er sich auf mich legen und mich unter sich begraben.
Wenn Schnee fällt ist die Welt stiller als lausche sie. Ich mag Schnee denn er lässt die Welt schweigen und zuhören. Sie dreht sich einen Moment langsamer und ich bildete mir ein sie tat es damals nur für mich. Ich musste weiter, dass wußte ich, doch wohin? Um mich herum war alles weiß und ich konnte meine eigene Hand vor lauter tanzenden Schneeflocken nicht sehen.

„Schneeflöckchen weiß Röckchen wann kommst du geschneit…?“ kam es mir in denn Sinn und ich erinnerte mich an letztes Weihnachten als die Welt noch stimmte, an Nüsse und Äpfel. Ich überlegte ob ich Weihnachten je wieder erleben würde und wurde traurig. Doch ich durfte nicht weinen schließlich war ich ein großer Junge. Der kalte Wind biss in den Augen und die Ohren brannten längst nicht mehr von der Kälte. In der Hand hielt ich die kleine Holzeisenbahn die ich in der Stadt gekauft hatte. Meine blauen Finger umschlossen sie vorsichtig.
Er hatte so glücklich ausgesehen wie schon lange nicht mehr als er sie das erste mal sah. Mit großen Augen hatte er sich die Nase am Schaufenster platt gedrückt. Wie er strahlte, mein kleiner Bruder. Doch wie sehr er auch bettelte, Mutti konnte nur traurig mit dem Kopf schütteln. Das Haushaltsgeld, erklärte sie, reiche kaum uns zu ernähren seit Vater gegangen sei. Ich sparte, den ganzen Sommer, sammelte Alteisen und Pappe und sah jeden Tag nach ob die Eisenbahn noch da war. Ich hoffte so sehr das ich nicht eines Tages zu spät käme und ein anderes Kind sie mit nach Hause nähme. Vorgestern hatte ich das Geld zusammen, grade noch rechtzeitig, doch Mutti ließ mich nicht gehen wegen dem Wetter. Ich musste doch gehen sonst bekommt irgendein anders Kind die Eisenbahn, vermutlich eins was schon ganz viel Spielzeug hat und sich nicht so sehr freut wie mein kleiner Bruder es tun würde. Morgen war doch Weihnachten. Was ich denn in der Stadt wolle fragte Mutti mich, doch ich konnte es ihr nicht sagen, sie hätte es nicht verstanden. Ich weiß dass ich kein guter Sohn war als ich mich davon geschlichen hab. Ich wußte auch dass man nicht lügen soll und trotzdem sagte ich dem besorgten Spielzeugverkäufer ich sei mit Mutti in der Stadt. Ob mich der liebe Gott trotzdem in den Himmel lässt wenn ich kein Weihnachten mehr feiern kann fragte ich mich und stapfte weiter bis der Schnee zu hoch wurde und jeder Schritt mehr Kraft kostete als ich hatte. Ich hatte trotz der Kälte das Gefühl zu brennen. Ich wollte Ausruhen, nur kurz ausruhen, ganz kurz… gleich musste ich weiter ich wollte doch seine strahlenden Augen sehn. Ich wollte ihn endlich wieder lachen sehn. Meine Glieder waren so schwer und der Schnee sah so leicht und weich aus. Nur einen Augenblick… gleich steh ich wieder auf…nur noch einen Augenblick liegen bleiben, nur einen Augenblick… gleich… gleich… nachher.

Und dann war es zu spät. Ich schlief ein, friedlich wie ein Kind. Dabei war ich doch schon ein ganz großer Junge. Ich hatte es Vati versprochen bevor er ging. Ich wollte ein großer Junge sein und auf Mutti und den Kleinen aufpassen. Und nun lag ich hier im Schnee, die kleine Holzeisenbahn mit den tauben Fingerchen fest an mich gepresst. Schnee bedeckte meinen kleinen Körper der so zerbrechlich wirkte. Als sie mich fanden sah ich aus wie ein friedlich schlafender Engel nur etwas blasser und reglos, sagt Mutti. Sie spricht oft mit mir und es tut mir so unendlich Leid das ich ihr nicht Antworten kann. Ich möchte sie trösten und ihr sagen dass sie nicht so viel weinen braucht. Ich halte mein Versprechen und passe auf.
Doch was mich am traurigsten macht ist die kleine Holzeisenbahn die auf dem Stubenschrank steht, bedeckt von einer zarten Staubschicht wie der Schnee mich einst bedeckte. Blind vor Trauer und Schmerz sah sie seine großen Augen nicht, als sie die Eisenbahn wegstellte und ihm verbot sie anzufassen. Ich hätte ihn so gerne einmal damit spielen sehn, hätte so gerne sein Lachen gehört. Mutti weint immer nur wenn sie die Eisenbahn sieht und sagt sie hätte Unglück gebracht, dabei sollte sie doch Freude bringen. Keiner denkt mit Freuden an mein letztes Geschenk. War denn mein Tod völlig sinnlos?