Als wir uns im Deutschunterricht mit Lenz (von Büchner) beschäftigt haben gab uns unsere damalige Lehrerin eine Kopie des Stiches „Das Narrenhaus“(1834) von Wilhelm von Kaulbach.

Thema der Stunde war „Die Sicht des Wahnsinns im 19. Jahrhundert“
Wir sollten uns eine der dargestellten Figuren aussuchen und (s)eine mögliche Geschichte verfassen.
Meine Figur war der Mann rechts oben. Mir gefiel diese Person am besten da sie weder zu der Gruppe zu gehören schien noch eine Außenstehende Person war. Sie sich durch die Abwendung und dem Schlüssel in der Hand anscheinend dafür hielt (deswegen SIE in Großbuchstaben um sich von ihnen abzugrenzen)

Ein Außenseiter unter den Ausgegrenzten sozusagen….
Da hab ich mich doch gleich wieder gefunden *lach*
Hier also die Geschichte von Georg, dem Wärter……



Georg der Wärter

Solange er denken konnte waren SIE da. Abend wenn er als Kind im Bett lag konnte er SIE schreien hören, wenn SIE denn schrieen. Oft vernahm er nur ein undeutliches Gemurmel und an anderen Tagen wiederum, herrschte so eine gespenstische Stille, dass er hoffte, etwas zu hören. Nur um sich zu vergewissern das alles seine Richtigkeit hatte.
Diese lauernde Stille machte ihm mehr Angst als alles andere. Es war schon immer so gewesen, es war die Aufgabe seines Vaters und deren Väter gewesen und irgendwann würde es seine Aufgabe sein zu wachen. Sie wohnten im Obergeschoß des Hauses, lebten von den Geldern deren Menschen, die SIE nicht verstanden, sich schämten und nicht mit DENEN gesehen werden wollten.
In der Schule hatten sie Georg immer gehänselt.
-„Das ist der, der bei den Verrückten wohnt. Das ist der Verrückte“ -
Früher hatte er sich darüber viele Gedanken gemacht. Wird man selber Verrückt, wenn man bei denen wohnt?
Als der dicke Viktor der eine Reihe vor ihm saß ihn wieder einmal ärgerte, da nahm Georg seine Tafel und warf sie nach ihm. Das Geschoß traf den dicken Viktor mitten ins Gesicht und plötzlich lief eine rote Träne über seine Wange. Grade wollte Georg schreien
-„seht her, der Bub heult wie´n Mädel“ -
als ihm bewusst wurde was dieses bedeutete - BLUT!
Viktor stürzte zu Boden, presste seine Hand aufs Auge und brüllte!
Die Klassenlehrerin kam hereingestürzt und schrie panisch auf.
„ Du Monster was hast du getan?! Ich wusste das du nur ärger machen würdest.“ schrie sie Georg an.
Viktor wurde ins Hospital gebracht, Georg wurde von seinem Vater abgeholt.
Der Vater und die Lehrerin redeten lange und laut miteinander, doch Georg der draußen warten musste hörte nicht zu. Das machte er zuhause auch immer, er schaute an einen bestimmten Punkt im Raum und bekam von der Welt nur noch ein unverständlichen Wortschwall, ein Gemurmel ohne Bedeutung mit. Wie ein menschliches Wellenrauschen mit Stimmen. Er machte dies oft, wenn er von der Mutter schimpfe bekam weil er noch Dreck unter den Fingernägeln hatte, vom heimlichen Staudamm bauen. Der Vater sah das nicht gern, er sagte das machen nur kleine dumme Jungen, was sollen die Leute denn denken? Doch Georg wusste das es egal war ob er im Matsch spielte oder nicht, die Leute hielten trotzdem Abstand, weil er bei den Verrückten wohnte und diese ihnen Angst machten.
Leute wollen so was nicht sehen und nicht darüber nachdenken müssen“ erklärte der Vater. „Deswegen sind sie hier? Damit die Leute sie nicht sehen und nicht über sie nachdenken müssen?“ fragte Georg seinen Vater und dieser nickte traurig. „Ja viele schon, meinche Familien leugnen ihre Verwandten hier und zahlen gutes Geld damit niemand was von ihrer Existenz erfährt
- Der Vater kam aus dem Rektorzimmer. Georg spürte dass sein Vater wütend war. Dieser redete jedoch langsam und ruhig auf Georg ein.
„Georg, die Lehrerin hat mir erzählt dass du dir viel Mühe in der Schule gibst und immer schön aufpasst. Du bist so klug, du brauchst nicht mehr weiter zur Schule gehen.“
“Aber du hast doch immer gesagt ich muss noch ganz lange zur Schule gehen damit ich Lesen und Schreiben lerne…“
wendete Georg vorsichtig ein.
“Ja aber das kannst du doch schon. Du kannst doch Georg schreiben?“
„Ja“ antwortete Georg.
“Und die Uhr? Die große am Schulturm?“
„Die kann ich auch lesen“
meinte Georg sichtlich stolz.
„Das reicht doch, mehr musst du als Wärter nicht können mein Sohn. Aber versprich mir das du nie mehr etwas nach jemanden wirfst!“
Georg versprach es.
Von dem Tag an brauchte Georg nicht mehr zur Schule gehen.
Er erfuhr auch nicht dass der dicke Viktor jetzt der blinde Viktor genannt wurde.
Ein Schiefersplitter hatte sich in sein Auge gebohrt und selbst die Ärzte konnten das Auge nicht mehr retten.
Er hatte nie mehr gelernt als die Uhrzeit und seinen Namen zu schreiben. Ob wohl er größer als die anderen Kinder war, hatte er sich darüber nie Gedanken gemacht. Schließlich unterrichtete die Lehrerin 5 Klassen in dem großen Gemeinschaftsraum zusammen.
Viele der großen Kinder gingen, viele der Kleinen kamen, nur Georg blieb.
Der Vater sagte, dass sei weil er so schlau sei.
Georg bekam die Aufgabe auf SIE aufzupassen, SIE zu bewachen.
Er war sehr stolz auf sich und nahm diese Aufgabe sehr genau.
Als er durch Zufall im Arbeitszimmer seines Vaters einen Brief fand konnte er diesen nicht lesen. Sonst hätte er erfahren, das der Marschalk an dem Leiter des Irrenhauses schrieb, dass es verständlich sein dass die Lehrerin der Dorfschule sich weigerte einen 34 jährigen zu unterrichten der einen Jungen das Auge ausgeschlagen habe. Er wolle seinen Sohn jedoch keines Falls wieder aufnehmen. Er würde seine finanziellen Zuwendungen erhöhen. Der Leiter solle den Jungen weiter im Glauben lassen, er sei der eigene Sohn. Er solle ihm eine leichte Aufgabe geben um ihn zu beschäftigen, vielleicht als Aufseher.