Kapitel 8b: Alte Rivalen und Freunde

An einem anderen Ort, zur selben Zeit:

“Was soll das heißen, er ist WEG?“ der Arzt sah die Pfleger mit weit aufgerissenen Augen an.
“Keine Ahnung wie dass passieren konnte. Die Schwestern haben keinem Besucher geöffnet, wie sie wissen lassen sich die Fenster aus Selbstschutzgründen nicht öffnen und bestehen aus Panzerglas. Außerdem war der Patient nach seinem hysterischen Anfall ans Bett fixiert worden und so voller Beruhigungsmittel, dass er unmöglich selber verschwinden konnte. Weder im Zimmer noch außerhalb sind Gewaltspuren zu sehen. Es ist unmöglich aber leider eine Tatsache, er ist weg. Wie auch immer er dass geschafft hat.“
Der Arzt seufzte resignierend, heute verlief der Tag alles andere als geplant.
„Wurden die Überwachungsvideos bereits gesichtet?“
–Schweigen-
„Also nicht? Was machen sie dann noch hier?!“
Die Pfleger eilten davon und der Arzt wollte seine Mittagspause fortsetzen. Auf dem Weg zum Kaffeeautomaten trat er in etwas Undefinierbares, Weiches. Unsicher sah er sich nach einem Hund und deren Halter um, doch wie erwartet war keiner zusehen. Skeptisch zog er seine rechte Augenbraue hoch und begutachtete die Masse genauer.
„Ungewöhnliche Farbe….“ 
Er fingerte einen Gummihandschuh aus der Tasche und fuhr mit dem Zeigefinger durch den bereits breit getretenen Haufen und schnupperte. „Ungewöhnliche Konsistenz… Eindeutig Iguana-Iguana Kot.“ flüsterte der Arzt und Reptilienfreund gedankenverloren. Seine Aufmerksamkeit galt nun besonders der Spur des Vortreters, die zum Ausgang führte. „Leguankot in der Eingangshalle?“
Plötzlich musste er an den kleinen Zwischenfall des Vormittags denken und sein Interesse an den Überwachungsvideos, die er eben noch gelangweilt an seinen Pflegern abgewälzt hatte, wuchs. Er sah abschätzend auf die Neontafel der Kantine, die Labskaus als Mittagsmenü ankündigte und beschloss auf seine Mittagspause zu verzichten. Kaum hatte er sich auf den Weg zum Fahrstuhl gemacht, um den kleinen Überwachungsraum für die Videoaufzeichnungen aufzusuchen, da piepte schon sein Pager. Verdammt, das riecht nicht nur nach Leguan sondern auch nach Ärger, dachte er. Er ignorierte es, kam aber keine 10 Schritte weit bis jemand hinter ihm zu brüllen anfing.
„SIE! Sie haben einen meiner wichtigsten Männer einliefern lassen! Können Sie mir bitte mal erklären warum sie nicht nur meine Ermittlungen behindern sondern nun sogar meine Männer einsperren?“ Dieser Tag verlief alles andere als gut, zumindest war nun das Rätsel um den verschwundenen Patienten geklärt.
“Ihr Mann war dermaßen überarbeitet, dass er halluzinierte und das Krankenhauspersonal angriff. Ich möchte ihnen mein aufrichtiges Bedauern aussprechen aber er ließ uns keine Wahl. Nun haben sie ihren Mann ja wieder. Ich möchte sie dennoch bitten ihr Vorgehen das nächstes Mal mit uns vorher abzusprechen, sofern es sich um Krankenhausangelegenheiten handelt. Meine halbe Abteilung war mit der Suche nach ihm beschäftigt. Dies hätte doch sicher vermieden werden können und meine Leute hätten sich wichtigeren Dingen widmen können, wie die Betreuung der übrigen Patienten.“
Der bullige Kerl in Uniform hinter ihm schien nachzudenken.
“Was zum Henker hätten wir mit Ihnen absprechen sollen und wen zum Teufel suchen Sie?“ Der Arzt erbleichte leicht.
„… Sie haben ihren Mann NICHT ohne vorheriger Absprache selbst aus der psychiatrischen Abteilung entlassen?!“
Der Arzt Stockte und auch der bullige Kerl schien beunruhigt.
“Sie haben ihn verloren? Wie kann man jemanden aus der Geschlossenen verlieren?!“
Beide Männer hatten schlagartig denselben Einfall.
 - Die Videoaufzeichnung! -

In dem kleinen stickigen Raum voller Monitore hatten die Pfleger kaum Platz. Als es an der Tür klopfte und eine bullige Gestalt durch die Tür schob hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Der Arzt lächelte entschuldigend während er den Pfleger zum Aufstehen bewegte und selber Platz nahm. Der verantwortliche Kontrolleur stand unglücklich mit verschränkten Armen vor dem Wasserspender und verteidigte sich.
“Es gab keine Auffälligkeiten, das habe ich ihnen bereits gesagt. Niemand hat das Zimmer verlassen.“
„Jemand muss das Zimmer aber verlassen haben“ antwortete der Arzt ruhig.
„Nein! Niemand konnte aus dem Zimmer gelangen, ganz einfach weil sich niemand in diesem Zimmer befand.“
“Es befand sich niemand im Zimmer?!“ raunten die anderen 4 Anwesenden wie aus einen Mund. Der Arzt sah die Pfleger ernst an.
„Meine Herren, sind sie sicher, dass sie den Patient im Zimmer 122007 untergebracht haben?“
„Ja Natürlich; ganz sicher“ bekräftigten die Beiden.
“Würden sie uns bitte das Zimmer 2007 im 12. Stock heute zwischen 12.30 und 12.45 Uhr zeigen?“ wandte er sich an den wachhabenden Kontrolleur. Dieser machte sich über das Schaltpult her und suchte die entsprechende Zeit und den Ort. Schließlich erschien ein leeres Zimmer auf einen der Bildschirme. Am Anfang des Zimmers war links eine kleine Sitzecke mit festgeschraubten Tisch zu erkennen, links und rechts an der Wand sah man zwei sterile Betten und an der Wand hingen Poster die an das Medizini-Magazin aus der Apotheke stammen könnten. Auf dem rechten schauten drei Dackelwelpen aus einem Korb und links räkelte sich ein gähnendes Kätzchen auf einer Hängematte. Auf dem ersten Blick hätte man es für ein Zimmer auf der Kinderstation halten können. Auf dem Zweiten Blick hatten die Fenster keine Griffe, die Steckdosen waren mit verschlossenen weißen Plastikabdeckungen versehen und auch an den gemachten Betten konnte man sehen, dass sich jemand die Enden von Lederriemen sorgfältig unter die Matratze gestopfte hatte. Die Kammara schwenkte und eine Tür mit Handtuch um den Griff wurde sichtbar. Es war definitiv keine Person in diesem Zimmer. Die Zeitanzeige raste und kam schließlich bei der aktuellen Zeit an.
“Danke. Und nun würde ich gern herausfinden wohin der Patient wirklich gebracht wurde. Würden sie bitte die Aufnahmen des Hauptflures im Sektor F gegen 12.31 Uhr vorführen?“ bat der Arzt.
Wieder setzte sich der Kontrolleur in Bewegung und Bilder flackerten über die Monitore.
„War das eben die Damenumkleide? Ich wusste gar nicht das wir die Zusatzgenehmigung zu deren Überwachung haben“ warf der Arzt bei einem der Bilder mit scharfen Tonfall ein. Der Kontrolleur wurde etwas kleiner und beeilte sich noch mehr, dann erschien das Bild eines Flures.
Der bullige Kerl beobachtete die aufgetauchte blonde Schwester, die an der Wand gelehnt da stand und einem Mann gelangweilt zuhörte.
„Was genau wollen sie mir mit diesem Videobeweis sagen?“ er spukte die Worte verächtlich aus.
“Ihr Mann hat eine Schwester und mich angegriffen, zwei Pfleger mussten eingreifen und ihn ruhig stellen. ES müsste jeden Moment soweit seien.“ Alle schauten gebannt auf die Szene doch nichts geschah.
„Könnten Sie bitte die nächsten Minuten im Schnelldurchlauf zeigen? Ich habe nicht ewig Zeit“ warf der bullige Kerl missmutig ein. Der Arzt nickte. Mittlerweile sah er den Kontrolleur eher hilflos an, während der Blondine auf dem Bildschirm die Augen zu vielen, sie zu kippen drohte, die Augen wieder auf riss und ihre Tasse Kaffee lehrte. Sie schaute mehrmals auf ihre Uhr und gestikulierte etwas aus dem sogar ohne Ton ersichtlich war, dass ihre Pause zu Ende war und sie keine Zeit mehr hatte. Die Bilder rasten weiter. –Stopp- Der Kontrolleur sah den Arzt fragend an, der zähneknirschend auf seine eigene Uhr sah. „Vielleicht noch ein paar Minuten länger….“ Das Bild setzte sich wieder in Bewegung und die Schwester verschwand eilig. Ihr Verschwinden kam eher einer Flucht gleich. Die Tür im Hintergrund öffnete sich und der Mann eilte hinzu, hielt der zum Vorschein kommenden Schwester die Tür auf und fing wieder an zu reden. Sie ergriff schlagartig die Flucht und er schob unbemerkt den Fuß in die Tür, während sie es sehr eilig hatte zum nächsten Patienten zu kommen. Unbemerkt betrat er, den dahinter liegenden Korridor. Wenig später kam er jedoch mit einer älteren Schwester, die ihm mit energischen Schritten folgte wieder hervor. Sie schien über sein Auftauchen alles andere als Erfreut und ließ ihm, ihrem Auftreten nach, die Leviten. Wieder stoppte die Aufnahme.
„Was in aller Welt soll dass? Ich sehe ein, dass unser Mann ihre Schwestern belästigt und sich unerlaubten Zutritt zu bestimmten Bereichen verschafft hat. Aber das rechtfertigt nicht im Geringsten eine Einweisung! Was genau wollen sie bezwecken?“ argwöhnte der bullige Kerl.
„Ich… Keine Ahnung… Ich habe keine Ahnung was hier läuft, aber es gefällt mir genau so wenig wie Ihnen.“
“Können sie noch einmal zur Anfangssequenz skippen?“ fragte einer der Pfleger so zaghaft. Alle Starten auf das gestoppte Bild bei 12.31 Uhr und 07 Sekunden bis plötzlich beide Pfleger aufsprangen. „Dass ist doch Monika! Die war bis gestern Praktikantin in unserem Haus...“
Der Arzt räusperte sich und klammerte sich an die Hoffnung, sie hätte dem Krankenhaus einen letzten Besuch abgestattet, vielleicht einen Kuchen in den Aufenthaltsraum gestellt und zufällig diesem Kerl über den Weg gelaufen. Warum eigentlich nicht…? Doch da waren noch mehr Ungereimtheiten…

„Den Eingangsbereich vor 20 Minuten bitte. Dann lassen sie die Aufnahme bitte bis zum jetzigen Zeitpunkt schnell durchlaufen.“ Sagte er trocken.
Viele Menschen eilten durch die saubere Eingangshalle. Er Arzt hielt insgeheim nach jemanden mit Reptil Ausschau, doch er wurde enttäuscht.
“Nun meine Herren, ich war bis vor kurzem mit dem hier anwesenden Arzt in der Eingangshalle, aber ich wette mit ihnen, wenn wir das Videomaterial ansehen wird keiner von uns beiden zu sehen sein.“ Schloss der bullige Kerl und sein vernarbtes Gesicht verzog sich zu einer Grimasse bei der man nur hoffen konnte, dass es sich um ein Grinsen handelte statt Zähnefletschen.

Noch ein anderer Ort, immer noch dieselbe Zeit:

Eine blonde Frau mit kurzem abstehenden Haar und braunen Augen saß auf dem Rücksitz einer Limo und sah aus verdunkelten Scheiben. Ihr gegenüber befand sich ein Mann mit geöffneten Koffer. Er kramte mehrere Tabletten und Fläschchen hervor, überlegte kurz und packte sie dann unschlüssig zurück. Zwischen ihnen lag ein Mann in einer Lieb-hab-Jacke, der blinzelte und interessiert die Decke betrachtete. Er schien durch sie hindurch zublicken, dabei gab er Geräusche von sich die am ehesten mit häbbede häbbede umschrieben werden können.
“Verdammt, ich wollte doch nur wissen ob du etwas hast was ihn wieder zu sich kommen lässt, damit ich mit ihm reden kann. Nun ist er weiter weg als vorher!“ sie seufzte.
Der Mann kramte weiter in der Tasche und zog etwas hervor und versuchte das Etikett zu entziffern.
„Aaalsoo hier mit könnte es gehen, aaaalerdings besteht die Möglichkeit…“
“Nein! Wir brauchen ihn lebend. Dann müssen wir halt Geduld haben“ unterbrach ihn die Frau.
Sie zog die Beine zu sich ran, legte den Kopf auf Arme und Knie und schaute weiter aus dem Fenster.
“Das Mädchen, dass sie nach dem Verkehrsunfall aufgenommen haben, du sagst sie ist verschwunden?“ fragte sie, ohne ihn anzusehen.
“Jaaaa, ich wollte sie wie besprocheeen durch eine Erste-Hilfe-Puppe ersetzeen. Du weißt ja, wie täuschend echt die heutzutage sind. Wunderbare Technik. Sogar mit Puls und Herzschlag, auf die jeweilige Übung programmierbar…“
Sie hüstelte und sah auf.
“Ach jaaa…. Auf jeden Fall wollte ich grade die Puppe gegen den echten Körper tauschen…. Du hast ja keine Ahnung was dass für ein Akt war, die Puppe überhaupt durch die Sicherheitskontrolle zu bekommen…“
Sie räusperte sich erneut und wandte den Blick von der Scheibe ab um ihn direkt anzusehen.
„Ach ja…Da war kein Körper mehr, nur noch ein Hologramm“ beendete der Mann seinen Satz.
Sie überlegte kurz und seufzte.
„Ich dachte, man könnte die Ermittlerlänger hinhalten. So wie es aussieht, scheren sich die Mistkerle selber nicht um Gesetze und Anweisungen, wenn diese ihren eigenen Interessen im Weg stehen. Was hast du eigentlich mit den Dummy gemacht?“
Ihr Gegenüber wurde sichtlich nervöser.
“Najaaa ich hatte ja bereits angedeutet, wie schwer und gefääährlich es war ihn überhaupt einzuschleusen. Da er wie ihr perfektes Abbild aussah… habe ich ihn in das Krankenbett gelegt, das Hologramm deaktiviert und bin gegangen.“
Er sah sie unsicher an, doch sie hatte sich bereits wieder dem Fenster zu gewandt und lächelte Gedanken versunken.
“Gut. Wir wissen, dass sie das Mädchen haben, dann können sie auch ruhig erfahren, dass wir da waren. Zu dem können wir auf diesem Weg das Krankenhauspersonal rauslassen. Die haben einen komatös wirkenden Körper mit Schläuchen dran und stellen keine Fragen. Und Fragen werden durch unsere kleine Planänderung noch genug auftauchen, schließlich haben wir einen ihrer Männer.“
“Und du glaubst, sie stimmen einen Austausch zu? Wäre es nicht für uns besser ihn zu behalten, wenn er so wichtig ist?“ fragte der Mann skeptisch.
“Glauben…. Was bringt das schon? Ich hoffe sie gehen auf das Angebot ein. Keine Ahnung, wie wichtig er wirklich ist, aber ich häng nicht besonders an seiner Gesellschaft. Umso schneller wir ihn übergeben können desto besser. Etwas Besseres als sie werden wir kaum aushandeln können und selbst wenn, sie ist die einzige die mich im Moment interessiert. Ihr Ableben wäre mein Todesurteil.“

Mittlerweile im Krankenhaus…:

Im Krankenhaus herrschte ein Betrieb wie in einem Bienenstock. Mittendrin saß der bullige Kerl und trank betont ruhig einen Kaffee. Ihm gegenüber saß der Wachmann, der sein Darmproblem mittlerweile anscheinend überwunden hatte.
„Gab es irgendwelche Auffälligkeiten?“ brummte der bullige Kerl.
“Ne Chef, alles in Ordnung, es gab keine ungewöhnlichen Vorkommnisse. Außer dem autorisierten Pflegepersonal, gab es nur zwei unplanmäßige Raumbetretungen, die Betten wurden neu bezogen und der Hausmeister musste die Lampe reparieren.“
Der bullige Kerl brummte etwas und trank weiter seinen Kaffee. Schließlich stellte er den leeren Becher geräuschvoll auf den Tisch und wartete. Beide Männer sahen sich erwartungsvoll an bis der Wachmann plötzlich aufsprang und die Tasse an sich riss.
„Tut mir Leid Boss, natürlich hole ich ihnen gleich einen Neuen. Ich war in Gedanken. Ich…“
“Setzen!“
Der Wachmann stellte die Tasse sofort wieder ab und gehorchte.
“Die Terroristen fühlen sich anscheinend bedroht. Sie muss wichtige Informationen haben, denn einer unserer Männer wurde entführt – aus diesem Gebäude.“
Sein Gegenüber schluckte.
“Warum haben sie einen unserer Männer entführt, statt das Mädchen rauszuholen?“ fragte er ungläubig.
„Vermutlich konnten sie unser wohldurchdachtes Sicherheitssystem nicht überwinden. Da es für sie unmöglich war sie herauszuholen haben sie sich einen unserer Männer geschnappt. Vermutlich wird es nicht mehr lange dauern bis sie Kontakt aufnehmen und einen Austausch fordern.“
Er machte eine bedeutsame Pause und sah sich im Raum um bevor er mit gesenkter Stimme fortfuhr.
„Wenn sie soweit gehen und auch noch Erfolg haben, dann stimmt hier etwas nicht. Sie müssen verbündete unter dem Krankenhauspersonal haben. Ich traue diesem Arzt…. Wie war noch mal sein Name?“
„ Dr. Radke“ warf der Wachmann ein.
“Ich traue diesem Radke nicht. Es wäre zu riskant das Mädchen weiter hier zu behalten, andererseits wird der Arzt ihre Verlegung niemals genehmigen bei dem Theater dass er bereits wegen der Untersuchung und anderen Kleinigkeiten veranstaltet hat. Und genau da kommen sie ins Spiel.“
Der Wachmann sah sich unsicher um, doch außer ihm saß niemand in der Nähe außerdem sah ihn der bullige Kerl direkt an.
- Verdammt, er meint wirklich mich, dachte er unglücklich.
“Ich?“ fragte er vorsichtig und wollte die Hoffnung nicht aufgeben.
„Ja, Sie. Um das Beweismaterial zu sichern müssen wir sie hier raus bringen. Möglichst unauffällig versteht sich.“
Der bullige Kerl hatte sich mittlerweile noch weiter vorgelehnt und der Wachmann konnte seinem Atem spüren. Es hatte Labskaus in der Kantine gegeben. Er wich millimeterweise dezent zurück und überlegte fieberhaft, wie er sich aus dieser Situation winden konnte doch es fiel ihm nichts ein. „Aber wie soll ich das anstellen? Ich kann sie mir ja schließlich nicht einfach über die Schulter werfen und raus tragen.“ Wandte er schließlich ein.
Der bullige Kerl grinste breit und holte etwas Graues aus seiner Jackentasche hervor. Im ersten Moment hielt der Wachmann es für eine der neuen Pudel-Chiwawa-Kreuzungen, doch es war beim besten Willen kein Vorne und hinten zu erkennen.
„Ein Hund?“ fragte er entgeistert.
Die Miene des bulligen Kerls verfinsterte sich.

„Nein, du Schwachkopf, eine Perücke. Wir melden für morgen Verwandtenbesuch an. Rollstühle stehen oft in den Gängen rum, niemand wird deswegen misstrauisch sein. Sobald die Luft rein ist wirst du angefunkt, dann setzt du ihr die Perücke auf. Mit dem holografischen Gesicht einer 8o jährigen ist die Tarnung dann perfekt. Mit Hilfe des Rollstuhls sollte es dir leicht fallen sie zu transportieren, außerdem kannst du die wichtigsten Geräte mitnehmen. Wenn euch jemand sieht, wird sie für ihre angekündigte Omi gehalten die sich grade auf dem Heimweg befindet.“
Der bullige Kerl grinste und war sichtlich Stolz auf seinen Plan. Er nahm seinen Becher in die Hand, wollte einen Schluck nehmen und erinnerte sich, dass sie bereits leer war. Unsanft stellte er den Becher wieder auf den Tisch zurück und wartete ab. Nichts geschah. Er sah seinen Gegenüber auffordernd an, dieser blinzelte neugierig zurück und wartete auf mehr Informationen.
“Verdammt, soll ich etwa selber laufen?!“ donnerte der bullige Kerl los. Der Wachmann zuckte zusammen, sah zum Becher und schaltete endlich. Er sprang auf und eilte mit dem Becher zum Kaffeeautomaten. Der bullige Kerl lehnte sich selbstzufrieden zurück, er hatte das Ruder wieder in der Hand. Die Terroristen hatten ihm geholfen einen Grund zu finden, die Regeln nach seinen Vorstellungen zu verschieben. Die perfekte Legitimation für sein weiteres Vorgehen. Er lächelte, als der Wachmann um die Ecke kam und ihm der Kaffeeduft in die Nase stieg. Er war zurück.

Ortswechsel:

„Er müsste wieder ansprechbar und bei Sinne sein.“
Die blonde Frau zögerte kurz und ihren gegenüber mit der Arzttasche an. „Ich will allein mit ihm reden, hol mich in 15 Minuten raus. Ich denke nicht, dass er Schwierigkeiten machen wird.  Falls ich mich irre, weißt du, was zu tun ist. Sollte ich auf unerklärliche Weise verschwunden sein, lasst ihn gehen.“
Dann betrat sie ohne ihn den Raum.
“Wer auch immer Sie sind, dafür werden Sie zur Rechenschaft gezogen! Ich kenne ein paar sehr einflussreiche Männer, für die ich äußerst wichtig bin.“ wetterte der Mann, der immer noch die Zwangsjacke trug.
Die blonde Frau rollte mit den Augen.
„Ich weiß, deswegen bist du ja hier.“
Sie sah ihn abschätzend an bevor sie weiter sprach.
„Wenn du still hältst und mit dem Theater aufhörst befrei ich dich erstmal aus dem Ding, dass muss doch unbequem sein.“ Sie wies auf seine Zwangsjacke.
“Das ist jawohl das Mindeste!“ schimpfte er weiter.
“Nein, ist es nicht. Schließlich bist du meine Geisel. Ich hoffe für dich, dass du keine Dummheiten vorhast, ich würde dich nicht töten. Wenn ich nicht mehr bin, werden einige Leute nicht sonderlich erfreut sein und rate mal an wen die sich wenden werden. Er befindet sich in diesem Raum und ich bin es nicht.“
Er schwieg und sie machte sich an den Verschlüssen zu schaffen. Als alle offen waren und er seine Arme wieder bewegen konnte, holte sie plötzlich einen silbernen Armreif hervor, packte sein Handgelenk und legte es ihm um.
„Hey, was soll denn dass jetzt?!“ beschwerte er sich.
„Das ist meine kleine Lebensversicherung. Du hast einmal versucht mich zu töten und ich bezweifle nicht, dass du es wieder tun würdest.“
Er sah sie verblüfft an.
„Ich hab versucht Sie zu töten? Wer bist du? Zeig dein wahres Gesicht!“ Ihr war nicht entgangen das er aufgehört hatte sie zu siezen.
Sie lächelte matt.
„Du erkennst mich wirklich nicht, oder? Du solltest dich weniger mit Oberflächlichkeiten aufhalten. Welch Ironie, dass ich das zu dir sage.“
Sie drehte ihren Kopf nach links und rechts. Er konnte sehen dass sich hinter ihren Ohren keine Knöpfe für holografische Gesichter verborgen waren. Es war ihr echtes Gesicht.
“Es ist egal wer ich bin. Ich bin hier weil ich Antworten will.“

“Dann solltest du anfangen zu fragen.“ Konterte er.
“Touche´ Nun dann. Was hattest du mit dem Unfall in dem das Mädchen verwickelt war zu tun?“
„Mädchen? Ich weiß nicht wen du meinst. Es gibt viele Mädchen im Krankenhaus, die Unfälle hatten, vor allem auf der Kinderstation.“
„Du weist wen ich meine. Wir können jetzt weiter deine Spielchen spielen, ich übernehme auch gern den Part der Bösen. Dann wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, dich darauf aufmerksam machen, dass dein neues Schmuckstück wunderbar leitet und ich ein Gerät mit Regler in der Tasche hab. Die Alternative würde für dich bedeuten nach meinen Regeln ein kleines Frage und Antwortspiel mit mir zu spielen. Es liegt ganz bei dir.“ antwortete sie ungerührt.
„Das wagst du nicht!“
“Das war weder eine Frage noch eine Antwort und da du mich nicht kennst, würde ich es an deiner Stelle nicht drauf ankommen lassen.“
Sie versuchte ein Pokerface aufzusetzen und wartete auf eine Antwort, doch diese blieb aus. Der Mann mit lichterem Haar fummelte stattdessen Armreif und versuchte ihn abzustreifen.
„An deiner Stelle würde ich dass lassen!“
„Du bist aber nicht an meiner Stelle. Vielleicht solltest du dir lieber mal Gedanken machen, was du an deiner Stelle machen könntest, statt mir dauernd zu erzählen, was deiner Meinung nach das Beste für mich ist. Vielleicht würde ein tieferer Ausschnitt positivere Wirkung auf unser Gespräch haben als irgendeine Waffenertrappe aus der Cornflakespackung.“ er sah ihr NICHT in die Augen als er stoppte, „Vielleicht irre ich mich aber auch.“
“Ziemlich viele Vielleichts, findest du nicht? Natürlich irrst du dich. Von wegen Cornflakespackung, dass ist die neuste Technologie, sie ist nur noch in der Probephase. Wegen ein paar hässlichen Unfällen wurde die Zulassung verschoben. Du kannst dir gar nicht vorstellen was das für eine Sauerei gewesen sein muss. Irgendwie wurde der Maximalwert um ein vielfaches überschritten und das Blut des Trägers hat zu kochen angefangen…“
„Meine Zweifel waren nicht auf dieses lächerliche Ding bezogen, da bin ich mir sicher. Wie alt bist du?“
Sie sah ihn verblufft an und stemmte die Hände in die Hüfte.
„Hey, ich übernehme den Fragenpart und du sollst Antworten liefern.“ „Ich glaub du wärst mir zu alt.“ Beantwortete er knapp seine eigene Frage bevor er die nächste hatte. „Bist du Single?“
„Waaaas?!  Hallooo? Nein! Was geht dich dass überhaupt an?“
„Nicht? Das wunder mich zwar etwas, macht die Sache aber wesentlich interessanter.“
Er grinste triumphierend während sie nach Luft schnappte. Ihre Augen verengten sich und sie begann in ihrer Handtasche zu kramen. Eine Handcreme, Labello und ein Feuerzeug, um das Panzertape gewickelt war, landeten auf dem Boden bis schließlich etwas Graues mit Knöpfen zum Vorschein kam.
„Mal sehen ob du nun immer noch so große Sprüche klopfst.“
„Du bist absolute Amateurin und falls dies ein Verhör sein sollte ist es dir schon längst aus den Händen geglitten. Ich denke nicht das von deiner Fernbedienung eine Gefahr ausgeht, es sei denn du wirfst sie mir gegen den Kopf oder schaltest Volksmusik an.“
„Das klingt als wärst du selber schon bei Verhören dabei gewesen, dass ist sicher spannend.“
Sie machte extra erstaunt große Augen und er schluckte den Köder.
“So spannend ist das nun auch wieder nicht. Halt Arbeit die hin und wieder zum Wohle der Allgemeinheit getan werden muss, nech?“
Die Frau verzichtete darauf zustimmend zu nicken, war allerdings bedacht darauf sich ihren Unmut nicht anmerken zu lassen.
„Und genau deswegen warst du im Krankenhaus? Ich kann mir gut vorstellen, dass es manchmal eine ziemlich kniffelige Aufgabe ist. Grade wenn jemand nicht ansprechbar ist aber Informationen dringend gebraucht werden…“
 Er überhörte ihre Frage und nickte zustimmend.
“Das kannst du laut sagen, aber zum Glück gibt’s ja Mittel und Wege.“
“Und die wären? Hattet ihr den wenigstens Erfolg und habt eure Informationen erhalten?“ wollte sie wissen.
Der Mann trat von einem Fuß auf den Anderen, “Schon möglich.“ antwortete er zögerlich.
“Weißt du was ich glaube? Das wichtigste an einem Verhör ist nicht jemanden zum Reden zu bekommen sondern die richtigen Informationen zu erhalten. Ich kenn dich, deinen Lebenslauf und jede einzelne elektronisch verfügbare Kleinigkeit über dich. Du warst noch nie bei einem Verhör. Warum ziehst du hier ne Show ab? Wenn du mich beeindrucken willst, solltest du ne andere Schiene fahren. Die Menschen von denen du redest waren Freunde, Weggefährten oder zumindest Menschen die für dieselben Sachen eingetreten sind, wie ich.“
“Machen wir uns nichts vor. Ich hab keine Chance hier lebend raus zu kommen. Du brauchst nicht zu antworten, es ist egal was du sagst, ich glaube dir kein Wort. Wie kannst du mir da vorwerfen, dass ich versuche zu überleben oder zumindest etwas Zeit zu schinden?“
“O nein, jetzt fang nicht so an! Soll ich dir sagen was ich glaube?“
Seinem Gesichtsausdruck nach wollte er nein sagen, doch sie war schneller.
„Genau aus demselben Grund liegt das Mädel im Koma, weil du alles tun würdest um deinen eigenen Hintern zu retten, selbst wenn er gar nicht in wirklicher Gefahr war. Du bist davon ausgegangen, dass sie sterben wird. Da dir dass unausweichlich vorkam, wolltest du dich selber durch widerstand nicht in Gefahr bringen und hast mitgearbeitet, hab ich Recht?“
“Was wissen Sie schon?“
“Jetzt sind wir plötzlich wieder beim Sie?“
“Wieso nicht? Ich habe keine Ahnung wer Sie sind und bezweifele das Sie mich kennen. Die alte Bekannte spielen ist ne uralte Taktik. Aber wenn DU drauf bestehst, können wir gern so tun als ob und nicht vergessen, immer schön oberflächlich bleiben. By the way, dein aufgesetztes Lächeln bröckelt. Wie kommst du überhaupt darauf ich könnte die Kleine kennen?“
“Seh mir in die Augen und sag, dass du weder sie noch mich kennst!“
“Ich kenne dich nicht und du scheinst mich auch nicht zu kennen, sonst würdest du nicht annehmen, ich hätte nur versucht mich selber zu retten. Was weißt du schon von mir außer einpaar schlichten Daten? Nichts! Und es ist mir völlig egal, was du von mir denken oder zu wissen glauben.“
Sie hatte mittlerweile das graue Ding nicht mehr auf ihn gerichtet. Ungläubig schüttelte sie den Kopf öffnete den Mund um etwas zu sagen und schloss ihn dann wieder unvollrichteter Dinge. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte denn die richtigen Worte gab es nicht. Oder zumindest nicht mehr. Das ganze Verhör, wenn man es überhaupt so nennen konnte, war Ergebnislos geblieben und sie hatte keine Lust mehr sich weiter verleugnen und beleidigen zulassen. Sie fasste einen Entschluss, drehte sich um und ließ ihn einfach stehen während sie die Tür ansteuerte.
“Hey, wo willst du hin?“ fragte der Mann sie verwirrt.
“Ich gehe. Was soll ich denn noch hier? Wenn ich dir sage, ich sorge dafür, dass du nicht getötet wirst und nennst du mich eine Lügnerin. Ich stelle dir eine einfache Frage – Was ist mit dem Mädchen passiert? - und eine Antwort bist du mir immer noch schuldig. Ich habe keine Lust mehr mich von dir beleidigt oder noch schlimmer, angebaggert zu werden.“

Er sah ihr nach und fragte ob sie nur bluffte. Sie hatte sich nicht mal umgedreht und stand mit dem Rücken zu ihm vor der Tür. Bei den letzten Sätzen klang ihre Stimme höher, aber dennoch abwertend. Leise Zweifel stiegen in ihm auf und er war sich plötzlich nicht mehr so sicher ob er mit seinen Vermutungen richtig lag. Und noch etwas mischte sich unter die Zweifel, ein ungutes Gefühl und eine brennende Frage.
“Und was wird jetzt mit mir?“, platze es aus ihm heraus als sie schon ihre Hand auf den Scanner gelegt hatte um die Tür zu öffnen.
“Was glaubst du denn was mit dir ist? Na komm, zumindest eine ehrliche Antwort bist du mir für heute schuldig.“
Ihre Stimme klang immer noch irgendwie schräg, doch sie hatte sich wieder im Griff. Er musste sich eingestehen dass er ihr nicht so viel Taktik zugetraut hatte. Die Rolle der verletzten Bekannten hatte sie definitiv drauf. Er überlegte wie oft sie diese Nummer wohl schon abgezogen hatte, aber letztendlich war es ihm egal. Nachdem er einen Augenblick nach einer passenden Antwort gesucht hatte entschied er sich für die Wahrheit.
“Ich denke du wirst dich gleich umdrehen und verkünden, dass jemand anders das Verhör weiter führt. Dann wirst du behaupten, dieser Jemand würde mich nicht mit Samthandschuhen anfassen und ich hätte meine Chance gehabt. Damit willst du Druck aufbauen und hoffst, ich überleg es mir anders und erzähl dir alles was du wissen willst. Sei jetzt bitte nicht enttäuscht, wenn ich dich nicht auf Knien anflehe zu bleiben, aber das ist nicht mein Stil.“
Er wartete gespannt auf ihre Reaktion und hoffte, dass sie sich noch einmal umdrehte. Es interessierte ihn, wie gut sie ihre Rolle spielte und wirklich weinte, doch sie tat ihm den Gefallen nicht.
“Wenn es mir möglich wäre, würd ich dich an der nächsten Ecke aussetzen lassen. Ich habe dir gesagt, dass ich deinen Tod nicht will. Rachegedanken haben mir schon lang genug mein Karma versaut und ich hasse diese verbitterte oberflächliche Person zu der sie mich gemacht haben.“
Ihm war die Kinnlade runter gefallen. Eine Drohung, einen Vorwurf oder zumindest eine tränenreiche Schauspieleinlage hätte er erwartet, aber nicht diese Antwort. Es passte nicht.
“Du meinst ich kann einfach gehen?“ fragte er misstrauisch.
Der Scanner hatte begonnen ihren Fingerabdruck zu überprüfen und er befürchtete schon, die junge Frau würde den Raum verlassen ohne ihm zu antworten. Einfach gehen, das erschien ihm zu einfach im wahr zu sein. Irgendwo musste es einen Haken geben, vermutlich würde man ihm in dem Glauben lassen er wär frei um ihn dann umzulegen bevor er die Zivilisation erreicht oder ein Telefon gefunden hatte.
“Nein. Leider bist du nicht der Einzige, der auf kosten von jemand anderes sein Leben retten kann und vor der Wahl steht zu leben oder zu sterben. Du hast mich geopfert, wär es da nicht nur gerecht wenn ich dich zum Ausgleich benutze um am Leben zu bleiben? Wie du erst schon so schön festgestellt hast, es ist schwer jemanden vorzuwerfen um sein Leben zu kämpfen, selbst wenn man nur etwas Zeit schinden kann. Ich sterbe lieber morgen als heute, dass müsstest grade du gut verstehen. Ich hoffe für dich, du bist für deine Leute, wie du sie nennst,“ sie schauderte angewidert „wirklich so wichtig wie du behauptest. Dann steht dem Austausch gegen das Mädel nichts mehr im Wege. Du bist wieder frei und ich hab ne Chance weiter zu leben.“
Der Scanner piepte zweimal kurz und eine grüne Hand auf dem Bildschirm signalisierte einen erfolgreichen Login. Die Tür öffnete sich…
“Hey warte!!!“
“Ich hab gedacht das wär nicht dein Stil? Du überrascht mich immer wieder, mein Lieber.“ Entgegnete sie ihm während sie durch die, sich schließende Tür schritt. Er rief ihr etwas hinterher doch die Tür hatte sich bereits geschlossen und der Stahl war zu dick, als dass die Worte durch drangen die er rief. So entging ihr die wichtige Information, dass das Mädchen längst nicht mehr in den Händen der Ermittler war.

- Szenenwechsel-

An einem weit entfernten Ort in einer getarnten Lagerhallehalle, die auf keiner Karte verzeichnet war, flimmerten die Spätnachrichten über den Bildschirm.
„Diese Bilder der Überwachungskamera zeigen die im Koma liegende Terrorismusverdächtige noch bei einer Untersuchung ein paar Stunden vor ihrem Verschwinden…“

„Stopp!!!“
Das Bild fror ein und mein Kumpel sprang auf. Er sah unschlüssig vom Bildschirm zu seinen Begleitern und wieder zurück.

„Seht ihrs nicht?!“
“Ähmm… Sie sieht eigentlich gar nicht so schlimm aus wie wir dachten. Wenn man die Art des Sprengsatzes bedenkt, der im Fernseher versteckt war…“ Karl stockte als Strecki ebenfalls aufstand.
“Nein, die Aufnahmen sind erst einpaar Stunden alt. Zu dem Zeitpunkt war sie bereits nicht mehr im Krankenhaus und ein Hologramm müsste in diesem Bett liegen.“ Strecki sah zu meinem Kumpel und beide nickten stumm.
„Ja aber dass ist doch gut. Dass man ihr Verschwinden bemerken würde, war uns doch klar.“ Warf Karl ein.

<Siehst du, was er da tut?> tippte Emma.

„Natürlich, ich bin doch nicht blind. Er gibt ihr anscheinend eine Spritze.“
<Genau, er gibt dem HOLOGRAMM eine Spritze…>

„Ich dachte, die Zeit hätte für Modifikationen nicht gereicht…“
<Bingo!>
Was keiner aussprechen wollte blinkte nun schwarz auf weiß auf Emmas Laptop. <Da ist was faul!>
Alle sahen betreten zu Boden bis Strecki meinen Kumpel die Hand auf die Schulter legte und dass Wort ergriff.

„Chris, dass ist jetzt vielleicht schwer für dich, aber wir müssen die Geos erreichen. Wenn die Person die sich als Maren ausgibt, eine Ermittlerin ist, sind sie in Gefahr. Ein zweiter Anruf ist zwar eine Risikoerhöhung aber in diesem Fall notwendig. Ich geh und versuch eine sichere Verbindung aufzubauen.“
“Sie wollten doch alte aufnahmen in die Überwachungszentrale schleusen. Vielleicht stammen die Bilder noch von vor dem Austausch.“ Versuchte Karl meinen Kumpel aufzumuntern, doch dieser Schüttelte traurig den Kopf.
„Sieh genau hin, auf dem Fensterbrett liegt Schnee… Der erste dies Jahr, hat in der Stadt ziemliches Chaos angerichtet weil der Streudienst nicht mit einem so frühen Wintereinbruch gerechnet hat. Schaut den Spot vor diesem hier. Die Aufnahmen sind keine alten, sie stammen von heute Nachmittag“ er sah mit müden Augen auf seine Uhr und verbesserte sich „oder genau genommen gestern Nachmittag.“
Wieder herrschte betretenes Schweigen. Strecki und Emma verkrochen sich hinter dem Laptop, Karl legte sich aufs Sofa und die Mafiosi waren erst gar nicht wach geworden.

„So, wir müssten relativ sicher sein selbst wenn sie uns abpeilen brauchen sie mindestens 5 Minuten um uns zurück zu verfolgen. Willst du anrufen oder sollte ich dass lieber übernehmen?“
Mein Kumpel zögerte kurz, dann streckte er die Hand aus und verlangte nach dem Headset.

< Die Einwahl beginnt ich stell auf Lautsprecher>
Ein Counter begann von 5 Minuten rückwärts zu zählen.

 


- „Hey Kevin what´s up!?!”

Die überraschte Stimme des Snooker-Prince-Delux-Jackenträgers ertönte. Alle zuckten zusammen und Emma regulierte sanft die Lautstärke etwas nach unten. Mein Kumpel verharrte einen Moment verwirrt bevor er sich an etwas zu erinnern schien.

 

„Chris“ sagte er schließlich.

 

- „Was?“

 

„Nenn mich nicht Kevin!“ er seufzte und sah zum Counter.
„Wir haben nicht viel Zeit. Wer hat Maren das Hologramm gegeben?“

 

- „Das müsste Flachzange gewesen sein.“

 

Wieder huschten Erinnerungen am geistigen Auge meines Kumpels vorbei.

 

„Gib in mir mal schnell.“

 

- „Ähm… Der sieht grad fern und ich glaub…“

 

„Sofort!“

 

Im Hintergrund entbrannte eine kurze Diskussion während die Zeit weiter lief und man ein allgemeines *rolleyes* fast spüren konnte.

 

- “WAS?“ meldete sich schließlich die Stimme des Nicht-Hausmeisters.

 

„Hast du ihr, dass Hologramm gegeben?“

 

- „Schlampe? Jo!“

“Hat sie sich komisch verhalten?“

 

- „Das ist jetzt nicht dein Ernst oder? Sie verhält sich ständig komisch, jetzt sag nich ich verpass die Folge mit den Rotschöpfen nur weil du mit mir über ihre geistige Verfassung quatschen möchtest“

 

„Ich mein noch komischer. Habt ihr schon die Nachrichtenspots aktualisiert?“

 

„Ne, wir sitzen hier seit Wochen und schauen nur South Park und futtern Pizza!“

 

„Ich hoffe das war Ironie, ansonsten solltet ihr dass mal tun.“

 

- „Kannst du nicht einpennen und willst mit mir übers Wetter reden? Hör mal zu, die Telefonseelsorge hat 24/7 ein offenes Ohr für dich. Ich würd gern wieder zum TV und den Pizzen zurück. Natürlich war das Ironie und wir wissen was so los war. Ironie…“

Er stockte und schien zu überlegen.

- „Doch sie verhält sich anders. Sie VERSTEHT Ironie.
Und sie kennt dich nicht...“

 

„War sie schon so, als du ihr das Hologramm ausgehändigt hast?“

 

- „…Ja…“

 

„Vielleicht solltest du dir die Nachrichten noch mal ansehen und drauf achten, was man mit einem Hologramm alles nicht machen kann. Es sind keine alten aufnahmen. Sie hat panische Angst vor Spritzen und würde niemals so still halten wenn sie bei Bewusstsein wäre und auf dem Fensterbrett liegt Schnee...“

 

“Dann haben wir hier ne Agentin am Hals?! Na Klasse und alles nur, weil Schlampe wieder mal aus der Reihe tanzen musste.“ Er seufzte.

„Was sollen wir denn jetzt machen?!“

 

„Ich hab keine Ahnung. Sie loszuwerden, sollte nicht dass größte Problem sein, aber wie retten wir Maren? Im Krankenhaus ist sie auf jeden Fall nicht mehr…“

 

„Wir haben ne Agentin am Arsch weil wir ihr helfen wollten. Bevor wir die nächsten Rettungspläne schmieden sollten wir vielleicht erstmal unsere eigenen Hinterteile in Sicherheit bringen.“
Er Stockte.
“Dieses Telefon wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verwanzt sein!“

 

„Das ist mir bewusst. Wir haben noch ungefähr für eine halbe Minute eine abhörsichere Leitung, danach kann ich für nichts mehr garantieren. Ist noch was wichtiges?“

 

STILLE

“Hallo bist du noch dran? 20 Sekunden, Junge!“

 

„… Ich denke nicht“

 

„Schläft sie?“

 

„Ich denk schon…“

 

„Ich hoffe, du hast Recht. Verschwindet sofort von da, bevor sie euch hochnehmen und…*düüüt düt düt*“

 

 

„Hey was soll dass? Ich war noch nicht fertig!“ empörte sich mein Kumpel über den abrupten Verbindungsabbruch.
Emma deutete auf den Counter der bei 00:00:01 eingefroren war.

- Szenenwechsel –

 

 

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ganz andere Probleme und wusste von alle dem noch nichts. Ich lag wach auf einer viel zu dünnen Matratze, starrte genervt die Decke an und versuchte mir mit dem Kissen die Ohren zu zuhalten. Das Grillengezirpe ging mir so auf die Nerven und zu allem Überfluss fühlte ich mich von den ganzen Reptilien beobachtet. Von den stickig-tropischen Temperaturen ganz zu schweigen. Kurz gesagt, ich war hundemüde aber konnte nicht mal ansatzweise einschlafen.
Ich seufzte und beschloss mich doch zu den Kerlen vor den Fernseher zusetzen. Schlechtgelaunt stand ich auf, schnappte mir die Decke und Tapste ins Wohnzimmer. Mental bereitete ich mich auf eine Fortsetzung des South-Park-Marathons vor. Ich betrat den Raum und blieb erstmal überrascht im Türrahmen stehen. Die Blondis und der Gamer sahen sich Nachrichten an und stritten während Tarzan Futter und Wasser in den Terrarien nachfüllte. An dem alten Sofa lehnten gepackte Reisetaschen.


„Und was sagt deine Informatiuonsquelle?“

„Sie hat morgen Frühschicht, wenn ich sie noch einmal um diese Uhrzeit aus dem Bett klingel versohlt sie mir beim nächsten Treffen den Hintern.“ Entgegnete der Nicht-Hausmeister grinsend.
“Ich will keine Details aus deinem Sexualleben, sonder wissen was im Krankenhaus vor sich geht“ der Snooker-Prince-Delux-Jackenträger grinste zurück.
“Die Ermittler stellen merkwürdig wenig Fragen und sorgen dafür, dass es auch kein anderer tut. Die Nachrichten verschweigen einige wichtige Details. Wäre das Hologramm aufgeflogen oder entdeckt worden, hätte es sicher andere Reaktionen gegeben, aber so wie es aus sieht ist sie mit allen wichtigen Geräten verschwunden. Ausgerechnet an dem Tag,, an dem ihre Großmutter sie Besuchen wollte. Die Ermittler haben peinlich genau drauf geachtet, dass niemand außer dem Krankenhauspersonal zutritt zu ihrem Zimmer bekommt und selbst für deren Personal…“
„und den HAUSMEISTER!“ der Schalträger grinste und bekam sofort den Ellenbogen des Nicht-Hausmeisters zu spüren.

“Ok, lass mich mal zusammenfassen. Das Überwachungsvideo ist definitiv nach ihrer Befreiung aufgenommen und um ein Hologramm handelt es sich nicht. Angenommen, dass“ der Gamer deutete auf den Monitor „ist ihr Körper und nun ist er mit den Geräten verschwunden, dann hat irgendjemand anderes sie entführt. Ich tippe auf die Ermittler, es würde deren Verhalten erklären. Sie wollten mit dem Verhör nicht länger warten und inszenieren deswegen dieses Theater. Die Frage ist jetzt aber, wenn sie heute Nachmittag noch im Krankenhaus lag, wen haben wir dann heute Mittag befreit?“

„Oder noch wichtiger, was machen wir nun mit unserem Gast?“ fügte der Nicht-Hausmeister hinzu.

 

- Schweigen –

 

Reden die etwa über mich? Nicht gut! Überhaupt nicht gut! Meine Gedanken überschlugen sich fast. Was auch immer hier vor sich ging, ich sollte verschwinden bevor die Kerle eine Antwort auf ihre letzte Frage gefunden hatten. Langsam wich ich zurück. Dabei stieß ich gegen etwas Hölzernes, dass nachgab. Noch bevor ich irgendwie reagieren konnte wars auch schon zu spät, die Yuka-Palme neigte sich und viel mit dumpfen krachen von der Kommode.
*RUMMMS*

Ich spürte wie sämtliche Augenpaare ihren Blick von der Mattscheibe lösten und ihn auf mich richteten. Ich starrte die Kerle an und diese starrten mit weit aufgerissenen Augen zurück.

Mist! Ich löste mich aus der Starre, schnappte mir das erstbeste paar Schuhe und rannte zur Tür raus.

Draußen lag immer noch Schnee und ich verfluchte die vorher tropischen Temperaturen noch mehr. Hätte ich doch wenigstens langärmeliges Nachtzeug angezogen! Stattdessen trug ich ein Hemd des Reptilienfreundes und eine Jogginghose. Ich hatte nicht mal Zeit mir die geklauten Schuhe anzuziehen, also hüpfte ich barfuss durch die Vorgärten und versuchte möglichst kreuz und quer von einer Häuserecke zur nächsten zu laufen um nicht gesehen zu werden. Schließlich erreichte ich eine größere Schneewehe hinter der ich mich duckte. Meine Füße brannten von der Kälte und ich begutachtete die Schuhe in meiner Hand. Das ist ja mindestens Schuhgröße 50, stellte ich verwundert fest. Da meine Füße taub waren, stellte sich das als großer Vorteil da, sonst hätte ich die niemals anbekommen.
Ich wickelte mich, so gut es ging, in das riesige Hemd und lauschte.
Es waren keine Stimmen zu hören.  Verwundert späte ich über die Schneewehe, bereit mich sofort wieder zu ducken und mit zusammengebissenen Zähnen um nicht mit lauten klappern auf mich aufmerksam zu machen.  Außer meine Fußabdrücke im Schnee, die langsam von neuen Schneeflocken zugedeckt wurden, war nichts zu sehen. Keine Spur von irgendwelchen Verfolgern.
Die Kälte brannte aber wo sollte ich um diese Uhrzeit und in diesem Aufzug hin? Die fremden Häuser sahen alle verschlossen aus.
Kein Wunder, dass ich nicht verfolgt wurde. Die wissen genau so gut wie ich, dass ich nirgendwo großartig hin kann und wenn ich nicht erfrieren wollte musste ich zurück oder einen guten Plan B entwickeln.
Vielleicht hatte ich ja Glück und konnte in irgendeinen Hausflur gelangen. Unsicher stapfte ich zu erstbesten Tür und ruckelte dran. Verschlossen.

Auch bei den nächsten sollte ich kein Glück haben. Die Schuhe fühlten sich wie Gewichte an meinen taub gewordenen Beinen und ich beschloss, mich erstmal vor einen der verschlossenen Eingänge zu setzen. Die Häuserwand schützte vor dem schneidenden Wind und ich kuschelte mich in das riesige Hemd. Nur ganz kurz, sagte ich mir selbst doch der Krankenhausaufenthalt steckte mir immer noch in den Knochen und mein Körper war müde. Ich sah Chris vor mir der meinen Namen rief. Ich blinzelte, ich muss kurz weggenickt sein.
Es ist kalt, so kalt.
Nein, wenn du hier sitzen bleibst erfrierst du! schrie mich mein Schädel an doch die Taubheit griff vom Körper über meinen Verstand über und flüsterte mir zu: Nur einen Augenblick noch, einen ganz kurzen Augenblick noch ausruhen. Die kalte Glasscheibe kam mir garnicht mehr so kalt vor, sie brannte nicht wie die Luft sondern war einfach nur glatt. Ich kuschelte mich an sie und zog die Beine noch Fester an mich.
“Verdammt steh auf!“
„Chris?“ Erschrocken fuhr ich hoch, nur ein Traum.
Zitternd stand ich auf, mein Körper fühlte sich so steif und schwer an.
Meine Spuren waren längst leise von neuen Schneeflocken zugedeckt worden. Wenn ich irgendwo klingel, wird es nicht lange dauern bis jemand die Polizei anruft.
Ich dachte an meinen letzten kurzen Besuch im Revier und schüttelte entschlossen den Kopf. Dann lieber bei den Blondis und den Gamern. Selbst wenn die mich für jemand anderen halten, kennen sie meinen Kumpel. Wie auch immer ihre Antwort ausgefallen war, schlimmer könnte es nicht sein.
Irgendwie werde ich sie schon überzeugen können oder er regelt dass.
Alles war besser, als noch einmal den Ermittlern in die Hände zufallen. Wirklich ALLES? fragte ich mich, als ich mich umsah und überlegte, aus welcher Richtung ich gekommen war. Unsicher stapfte ich los.
Nachts sehen alle Katzen grau und alle Schneehaufen gleich aus.

Szenenwechsel

Zur selben Zeit, stand der bullige Kerl vor den geschlossenen Rollläden der Krankenhauskantine. Sie hatte seit ein paar Minuten geschlossen. Den Geräuschen nach zu urteilen, wurde grade fleißig sauber gemacht. Nachdem auch brüllen und gegen die Scheibe donnern nicht den gewünschten Erfolg gebracht hatte schnappte sich der bullige Kerl sein Funkgerät und ließ seinen Zorn freien lauf.
„Wo zum Teufel bleibt mein Kaffee?! Wenn sie grad dabei sind, ich hab Hunger! Und besorgen sie mir gefälligst etwas Anständiges!“
„Ähm sofort Boss.“
„Wo zur Hölle stecken sie? Es kann doch nicht so schwer sein einen verdammten Kaffeeautomaten zu bedienen!“
„Es gibt ein kleines Problem mit den Leuten von der Presse, aber ich kümmer mich bereits darum. Bin fast fertig und gleich mit dem Kaffee bei ihnen“
„Presse? PRESSE?!? Waren meine Anweisungen nicht eindeutig? Die offizielle Stellungsnahme ist draußen mehr gibt es nichts zu sagen. Sind sie noch im 11. Stock? Ich komm zu ihnen. Wehe mein Kaffee ist kalt! Sollte ich auf dem Weg oder bei ihnen irgendeinen Pressefutzi sehen, kann der sich nen neuen Job suchen! Wenn man mir auch nur noch ein Mikro unter die Nase hält passiert hier ein Unglück! Haben sie dass verstanden?!“

„Ja, Boss“
der bullige Kerl glaubte, neben dem normalen Rauschen eine hektische Betriebsamkeit gehört zu haben. Er grinste und beschleunigte, vor den Fahrstühlen blieb er stehen. Der Mittlere hielt grad im 11. und kam herunter gefahren.
“Wie´s aussieht brauch ich weder drücken noch mir die Mühe machen, hoch zu fahren.“ Murmelte er mehr zu sich selbst und verzog sein Gesicht zu einem kalten lächeln.
Die Fahrstuhltür öffnete sich und ein junger Mann mit Kamera wollte hinaus stürzen. Er prallte gegen den bulligen Kerl stolperte zurück und verlor das Gleichgewicht. Beim Anblick des bulligen Kerls waren die anderen Fahrstuhlfahrer automatisch zurück gewichen, so war trotz vollem Fahrstuhl voller Menschen und Geräte eine Lücke entstanden. In diese viel der Junge Mann, die Kamera schlug dumpf auf und der Mann landete auf seinem Hinterteil.
Der bullige Kerl streckte ihm seine Hand entgegen doch der junge Mann rappelte sich mit weit aufgerissenen Augen selbst auf und stammelte Entschuldigungen.
“Wie seltsam“ sprach der bullige Kerl ruhig und lächelte. „ So viele Menschen mit Fotoapparaten und Kameras… Hätte ich dies Krankenhaus nicht höchstpersönlich zur pressefreien Zone erklärt, würde ich doch tatsächlich glauben ich hab hier einen Fahrstuhl voller Reporter vor mir. Reporter die sich polizeilichen Anweisungen und meine Ermittlungen behindern“ Er machte eine kurze Pause und sah aus den Augenwinkeln wie eine größere Menschengruppe die Treppen herunter eilten. „Aber ich denke, kein Reporter würde so leichtfertig seine Lizenz aufs Spiel setzen. Vor allem da eine komplette Stellungsnahme, für alle Sender frei zur Verfügung steht.“ Er zog die Augenbraun etwas höher, stieg in den Fahrstuhl und drückte die 11. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung und fuhr nach oben. Die restlichen Menschen waren so perplex, dass keiner auf die Idee gekommen war, auszusteigen. Als der Fahrstuhl hielt, drehte sich der bullige Kerl noch einmal um und wünschte ihnen noch einen guten Abend bevor er ging.
Selbstzufrieden schlenderte er den Gang entlang und betrat schließlich ein kleines Zimmer.
„Na, wo ist mein Kaffee? Ich hoffe er ist noch…“ er stockte und seine gute Laune verschwand schlagartig.
“Hallo Bruno. Wie laufen die Ermittlungen?“
Der hagere Kerl mit braunen, streng zurück gegeelten Haaren hielt eine Kaffeetasse in der Hand und trank seelenruhig davon. Es war die einzige Tasse Kaffee im Raum. Der Wachmann war beim eintreten seines Bosses aufgesprungen und stand nun nervös in der Gegend rum.
„Gut. Ist dass MEIN Kaffee?“ „Oh entschuldige bitte, der stand hier so rum und bevor er kalt wird. Wäre schade drum, er schmeckt fantastisch. Ich glaub ich hab in der Eingangshalle einen Kaffeeautomaten gesehen. Wenn du dir auch einen holst, bring mir bitte einen mit. Aber bitte ohne Zucker und ohne Milch, schwarz wie meine Seele.“ Er lachte über seinen Scherz und wandte sich wieder an den Wachmann. „Sie sagen es gab keine Auffälligkeiten? Laut Schwesternaussage mussten die Leuchtelemente ausgetauscht werden, ich habe das Videomaterial bereits gesichtet und konnte keinen Hausmeister entdecken. Wie erklären sie sich dass?“
Der Wachmann schluckte und sah zwischen dem hageren und den bulligen Kerl hin und her.
„Es gab einige Probleme mit….“ Begann der bullige Kerl. „Ich habe diesen jungen Mann gefragt. Wolltest du dir nicht grad einen Kaffee holen?“
Der bullige ballte die Fäuste und sein Gesicht nahm langsam die Farbe eines gekochten Hummers an. Er biss sich auf die Zunge und blieb stumm. „Hier meine Tasse kannst du gleich mit nehmen und nicht vergessen, weder Milch noch Zucker.“ Als ihm der hagere Mann die Tasse unter die Nase hielt reichte es und der Bullige explodierte.
“WAS BILDEST DU DIR EIN? Wenn du glaubst du könntest hier einfach so reinschneien, mit deinem Wisch wedeln und alle springen, dann hast du dich geschnitten! Das ist immer noch MEIN Fall!“
Der Hagere lächelte ungerührt. „Die Frage, die du dir stellen solltest ist nur, wie lange noch. Ach Bruno, mein Lieber, da sind mir einige zu Ohren gekommen, die sich gar nicht gut anhören.“ Er seufzte. „Das Mädchen ist hier trotz intensiver Überwachung verschwunden und das Videomaterial ist mehr als dürftig.“

Der bullige Kerl schnaubte verächtlich. „Ja, mir ist die Verdächtige entwischt oder sie ist entführt worden, wir untersuchen noch die Fakten. Aber dass du die Nerven hasst hier aufzukreuzen! Du hattest deine Chance sie zu vernehmen und du hast auf ganzer Linie versagt. Mir ist vielleicht ein komatöses Mädchen in einem mittelmäßig überwachten Krankenhaus durch die Lappen gegangen, dir ist die ganze Horde aus einem, der am best bewachtesten Polizeireviere, entkommen. Dabei wurde selbiges in Schutt und Asche gelegt. Bis heute konnte nicht geklärt werden, welche Organisation für die Befreiung verantwortlich war, wenn ich mich nicht irre. Du solltest mir nicht drohen und dich um deinen eigenen Kram kümmern. Hab gehört, du stehst auf dünnen Eis und ein netter Schreibtischjob irgendwo auf dem Lande wartet auf dich wenn du dir auch nur noch ein Falschparkerticket zu Schulden kommen lässt.“

 Der Hagere Kerl lächelte unsicher. Die Gespächswendung schien er nicht erwartet zu haben.
“Mal ganz unter uns, ich bin nicht hier um irgendwelche Meldungen zu machen, sondern um dich zu warnen. Du unterschätzt Sie. Durch meine laufenden Ermittlungen hatte ich das Vergnügen“ er grinste viel sagend „mich mit den netten Herren von FearMe ausführlich zu unterhalten. Die haben das Mädchen nicht angerührt.“
„FearMe? Denen glauben sie? Einfach mal angenommen, ihre Informationen sind richtig, dann gibt es immer noch jede Menge verdächtige Gruppierungen die ein Motiv hätten sie zu entführen.“ „Hätte mein…. Gesprächspartner irgendwelche Informationen gehabt, dann hätte er sie mir gegeben, da bin ich mir sicher. Todsicher.“ Der Hagere lächelte kalt „Welche andere Gruppierung hätte denn deiner Meinung nach noch ein Motiv? Die E.R.D.N.Ü.S.S.E. gehen davon aus, dass sie noch in unserer Obhut ist.“ Der hagere Kerl machte eine Pause und musterte den Bulligen ausgiebig. „Du weißt nicht zufällig warum?“
Der Wachmann sah wieder unsicher zwischen den beiden Männern hin und her, dich sich ausdruckslos in die Augen sahen. „Also ich geh dann mal Kaffee besorgen, einmal schwarz und für sie, Boss, wie immer?“
Der Bullige nickte schweigend und der Wachmann eilte, erleichtert der Situation endlich zu entkommen, raus.
Dabei stieß er fast mit einer blonden Schwester zusammen. „Na, dass ist mal eine stürmische Begrüßung. Lassen sie mich raten, wieder einmal ein Kaffee-Notfall?“ sie lächelte.
“So in der Art, ich hasse die Nachtschichten. Da ist er noch übler drauf als sonst, und dass will was heißen. Der geheimnisvolle Besucher hat seine Laune auf ein neues Rekordminus katapultiert, da brennt die Luft. Ich hoffe die Gespräche der beiden sind unter 4 Augen geplant“
Er seufzte und sie klopfte ihn tröstend auf die Schulter.
Dabei entfernte sie blitzschnell einen kleinen Gegenstand aus seinem Kragen.
„Ich weiß, was du meinst. Hier ist manchmal auch die Hölle los. Weißt du was, ich wollte auch grad zum Kaffeeautomaten. Was hältst du davon, wenn ich dich begleite? Kannst dich gern auf dem Weg dahin bei mir ausheulen.“
Er errötete leicht. „Danke, ich weiß das Angebot wirklich zu schätzen aber ich befürchte ich muss ablehnen. Wenn sie mir einen Gefallen tun möchten…“ er drückte ihr den Becher in die Hand „dann gehen sie schon Mal vor. Ich muss noch mal kurz für Königstiger“ Er deutete Richtung Herrentoilette.
„Für den Inspektor einen Kaffe mit so viel Zucker, dass der Teelöffel fast stehen bleibt und für seinen Besucher?“.
„Schwarz, ohne alles. Danke, bis gleich.“ Er verschwand und sie machte sich auf zum nächsten Kaffeeautomaten. Alles lief wie geplant. Eilig klebte sie die Wanzen unter die Tassen und ließ sie vollaufen. Sie war gespannt, was die beiden Herren wohl zu besprechen hatten. Als der Wachmann immer noch nicht zu sehen war, gönnte sie sich erstmal selber eine Tasse Cappuccino. Als er immer noch nicht auftauchte, bekam sie ein schlechtes Gewissen. Das Glaubersalz schien bei ihm eine wesentlich stärkere Wirkung zu haben, als gedacht. Aber irgendwer musste ja dafür Sorgen, dass die Beamten ihren Posten verließen. Sie seufzte und sah mitleidig zu den beiden kälter werdenden Kaffeebechern und leerte ihren eigenen. Kurzerhand machte sie sich noch einen Cappuccino, sie hatte wesentlich weniger Schlaf gehabt als geplant und ihre Frühschicht hatte grade erst begonnen. Gähnend wünschte sie den Durchfall jenen Kerlen an den Hals, die sie viel zu früh geweckt hatten. Müde sah sie auf die Uhr, wenn der Wachmann nicht bald wieder auftauchte würden die Kaffees eiskalt sein. Dann konnte sie das mit dem Abhören knicken.
Sie wusste dass die beiden Männer wichtige Informationen austauschten, während sie hier zum warten verdammt war. Also schnappte sie sich die beiden Becher und ging ihm schon mal entgegen. Nach dem sie 5 Minuten vor der Tür gewartet hatte, faste sie einen Entschluss.

*klopf klopf* „Alles OK, da drinnen?“
“Bin top fit, styl mich grad nur nach“ wimmerte es hinter der verschlossenen Tür. Sie durchkramte ihre Tasche bis sie eine kleine Packung gefunden hatte dann öffnete sie die Tür einen Spalt und warf sie hinein.
„Vielleicht hilft dir dass, ich bring deinem Chef schon mal seinen heiß geliebten Kaffee“ bot sie an und verschwand bevor er protestieren konnte.
Wenig später, hatte sie die beiden Kaffeebecher ausgehändigt, einen Arzt gefunden der sich um den Beamten kümmerte und saß mit Ohrstöpsel und aufgeklappten Laptop in einer abgeschlossenen Duschkabine und lauschte.

„Einem Austausch zuzustimmen ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wo die geforderte Person ist nenn ich Wahnsinn“ knarzte die Stimme des bulligen durch die Kopfhörer.

„Du tust so als wäre das etwas Schlechtes. Genie und Wahnsinn liegen dicht bei einander. Ob jetzt eine Falle mit oder ohne echten Köder, wo ist da schon der Unterschied. Du hattest doch auch nicht vor Ihnen das Mädchen zu überlassen. Ohne Schloss, bringt dir der Schlüssel auch nichts.“
Das war eindeutig die Stimme des hageren, aber es machte keinen Sinn. Was für einen Austausch? Schlüssel und Schloss? Sie fragte sich, ob er den bulligen Kerl grade etwas zeigte und nahm Verbindung mit den Überwachungsmonitoren auf. Praktischerweise hatten die Kammerjäger incognito nicht nur das Videomaterial manipuliert sonder sich auch die Sendefrequenz gemerkt.
Sie skippte durch die Räume und erstarrte. War das die Frauendusche?
Sie schluckte, als sie ihre Schuhe in der hinteren Kabine erkannte. Zum Glück hatte der Einrichter der Kamera sein Hauptaugenmerk auf die Gemeinschaftskabine gelenkt, dachte sie und lehnte sich an die Wand. Nun waren keine Schuhe mehr auf dem Bildschirm zu erkennen und vermutlich würde es nicht mal Aufmerksamen Beobachtern auffallen. Wieder einmal zweifelte sie, ob die Toilette nicht ein besserer Ort gewesen wäre. Da dieser Ort aber öfter aufgesucht wurde und das Tippen nicht unbedingt unverdächtig klang hatte sie sich dagegen entschieden.
Sie beschloss, den Kontrolleuren im Überwachungsraum mal einen speziellen Kaffee zu spendieren und bei nächster Gelegenheit mal ein gut gezieltes Kaugummi in der Dusche anzubringen.
Aber zurzeit hatte sie keine Zeit sich auf die Suche nach Spannern und Kameras zu machen.
Sie skippte weiter durch die Räume und hatte endlich den Richtigen gefunden. Grade eben hatte der bullige Kerl den Hageren gefragt, warum ihm ihn die Ermittlungen, die gar nicht seine waren, so wichtig seien.
Eine Pause folgte, in der die junge Schwester schon befürchtete, die Mikros wären aufgeflogen.
Nun starrte sie auf den Monitor.
Der Hagere Kerl hielt ein Büschel brauner glatter Haare in der Hand und roch dran. Dann sah er den ebenfalls erschrocken wirkenden bulligen Kerl an und flüsterte mehr zu sich selber:
„Persönliche Gründe. Mir wurde etwas gestohlen, das ich gern wieder haben würde. Außerdem wurde ich bei meiner Unterhaltung mit einer jungen Dame rüde unterbrochen. Ein stummer Engel. Ich würde nur zu gern ihre Stimme hören, wenn sie schreit.“

7.6.09 16:16

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