Kapitel 8: Alte Rivalen und Freunde

Kapitel 8: Alte Rivalen und Freunde

 

Komplett versammelten wir uns noch einmal draußen vor der Tür und verabschiedeten uns in Kurzform von einander. Niemanden trafen wir auf dem Weg zum Parkplatz, was auch gut so war. „Und was nun?“ fragte ich in die Runde. „Wir hauen ab.“ meinte Karl knapp. „Ja, aber wohin? Und mit was?“ „Guck dich doch mal um, wir klauen einfach ein paar Autos.“ antwortete mein Kumpel und fügte hinzu „Das Wohin ist schon schwieriger, aber irgendwie seh ich die ganze Zeit vor meinem inneren Auge eine leer stehende Lagerhalle mit rotem Dach und einem Geheimgang zu eine Art Bunker. Karl, Rüdiger, weiß einer von euch, was ich da sehe?“
„Ja klar, das ist ein ideales Versteck. Wieso sind wir nicht selber darauf gekommen. Es ist zwar weiter weg, aber dafür schwer zu finden und außerdem auf keiner Karte verzeichnet, weil es einfach zu alt ist.“ erklärte Karl und Rüdiger zeigte Emma auf einer Karte, wo die Stelle sei.
Mein Kumpel machte weiter „Also gut, wir sollten uns am Besten wieder aufteilen. Ich denk, drei Gruppen sollte es schon sein, die unterschiedliche Routen nehmen und zu verschiedenen Zeiten dort ankommen. Sieht ja verdächtig aus wenn plötzlich drei Autos zu einer leeren Halle fahren.“

Kurze Zeit und vier aufgeknackte Autos später stiegen die Gruppen mit jeweils einer, von Emma gedruckten, Karte in die Wagen und verteilten sich in alle Richtungen. Die beiden Mafiosi und Uups fuhren in einem silbergrauen Kleinwagen davon, dicht gefolgt von einem Knallgelben, in dem ganz alleine Emma und Strecki saßen. Wir, das heißt Rüdiger, Fräulein Liebig und ich, hatten einen schwarzen Mittelwagen bevorzugt und schauten Fernsehen, in dem immer mehr Details über unsere Flucht bekannt gegeben wurde. Die Vorreiter mein Kumpel und Karl fuhren auf dem direkten Weg zum Versteck um gegebenenfalls uns zu warnen. Eigentlich wollte ich mit Chris ohne Karl mitfahren und mit ihm ein bisschen allein zu sein, doch obwohl er diesen Gedanken ebenfalls als sehr angenehm empfand, wollte er mich nicht in Gefahr bringen und Rüdiger hatte mich ins andere Auto gezogen. Männer, immer müssen sie den Helden spielen. Strecki fuhr auch alleine mit Emma durch die Gegend und ich muss nun das Gerede von Fräulein Liebig aushalten, die ganz besorgt wegen Strecki schien.
„Wer ist überhaupt diese Emma und wieso redet sie denn nie, sondern benutzt nur ihren komischen Computer?“
Rüdiger, der das Auto fuhr, umklammerte bei jedem weiteren Wort das Lenkrad fester. „Ähmm… Jennifer.“ „Ja?“ „Vergisst du nicht etwas?“
Auf dem Beifahrersitz drehte ich mich zu ihr um und zeigte auf Rüdiger. „Hmm? Was meinst du?“ Entweder sie hatte die Tatsache wieder vergessen, dass Rüdiger Emmas Bruder war oder aber sie wollte Rüdiger so sehr reizen, dass er ein paar Antworten auf ihre Fragen geben würde. Mir jedenfalls lag unsere aller Leben am Herzen und bei einem Wutausbruch von Rüdiger wäre dieses beim Fahren in Gefahr. „Jennifer… lass uns mal lieber wieder Fernsehen.“

 

Und mit einem Klick auf dem Fernseher brachte ich Fräulein Liebig tatsächlich zum Schweigen. Doch anstatt die Nachrichtenstimme zu hören drang kein einziges Geräusch an mein Ohr. Ich machte den Mund auf um was zu sagen, doch es kam nichts heraus. Erst jetzt bemerkte ich, dass Fräulein Liebig erstarrt war, genau so wie der Rest der Dinge um mich herum. Aus dem Fenster sah ich wie gerade eine Katze von einem Mülleimer zu Boden sprang und genau mitten in der Luft einfach angehalten war. Weiter sah ich einen Vogel, der wie am Himmel festgenagelt wirkte und die Autos auf der Straße um uns herum, die einfach so parkten. Und dann entdeckte ich das Gesicht eines Passanten auf der anderen Straßenseite, dass sie mir so vertraut war und doch wolle mir partout nicht einfallen, wer die Person war. Das Gesicht grinste unheilvoll in unsere Richtung und schien unser Auto genauestens zu beobachten und doch nicht zu auffällig zu wirken. Eine hohe Stirn, einen leichten Stoppelbart erkannte ich, sowie das Auffälligste an der Person – seine recht fortgeschrittene Glatze. An den Seiten waren nur noch kleine Büschel vom brauen, lockigen Haar zu erkennen, dass in vergangenen Zeiten kräftiger zu sein schien.

 

Mein Blickfeld veränderte sich, langsam schwebte ich wie ein Geist aus unseren Wagen und konnte mein Drücken auf den Fernseher und Karls Umklammern des Lenkrades erkennen. Dann sah ich unser Auto von außen und glitt weiter zu der Person, dessen Name mir immer noch nicht einfallen wollte. Ohne mein Zutun drehte ich mich in der Luft und plötzlich sah ich das Geschehen aus den Augen des Mannes.

 

„WUUMMM…“ Eine Explosion ertönte, doch mein Gastgeber schien nicht davon überrascht zu sein. Entsetzt musste ich mit Anblicken wie unser Auto spielzeugleicht durch die Luft gewirbelt wurde und hart auf den Asphalt knallte und liegen blieb. Stille, bevor aus heiterem Himmel überall Menschen anfingen zu schreien und in Richtung unseres Wagens rannten. Ohne Nachzudenken, was gerade passierte, ging ich mit dem Mann auf das Auto zu und konnte Fräulein Liebig mit einer Platzwunde im Auto liegen sehen. Mein Körper war durch die Wucht der Explosion aus dem Auto gerissen worden und lag rund 2 Meter weiter entfernt. Mein Gastgeber erkannte mich, lief auf mich zu und kniete sich neben mir. Ich sah schrecklich kaputt aus. Überall war Blut und mein Bein war in einem sehr unnatürlichen Winkel, doch meine Brust hob und senkte sich. Mein Gesicht war kreidebleich. Seine Hand streichelte mir kurz über die Wange und ich hörte ihn halb in Gedanken, halb tatsächlich aussprechen „Schade, dass es so kommen musste.“ Dann wurde es dunkel.

 

Schmerzen. Mein ganzer Körper schrie nach einem Ende. Ich konnte meine Augen, genau so wenig wie meine Hände bewegen und das Einzige was ich hörte was mein eigener schnell rasender Puls. Der Schmerz übernahm mich und ich fiel wieder in Ohnmacht.

 

Licht. Licht schien durch meine Augenlider. Die Schmerzen waren etwas gewichen und nun durchströmte ein Gefühl der Taubheit meinen ganzen Körper. Irgendwo sollte da mein Körper sein, aber ich spürte nur die Teile, die mir Schmerz verursachten. Bei jedem Herzschlag pochte es von meinem Kopf aus, die rechte Seite hinunter bis ins Bein und durchzog mich komplett mit Schmerz. Langsam trafen die Geräusche der Umgebung in mein Bewusstsein ein und durchzogen dieses wie Wellen, so dass alles ziemlich verzerrt klang. Meine Augenlieder waren so schwer wie Garagentore und ich schaffte es gerade einen kleinen Spalt zu öffnen. Weißes Licht blendete meine Sinne, die ganz langsam immer schärfer wurden und ich die Schemen des Bettes, in dem ich lag erkennen konnte. Mehrere Geräte standen neben meinem Bett und waren mit mir überall verkabelt. Ein Vorhang versperrte mir die Sicht auf den Rest des Raumes und in diesem Moment erfasste mich der Gedanke an Rüdiger und Fräulein Liebig, die es hoffentlich nicht so stark getroffen hatte wie mich. Weiter schweiften meine Gedanken zu den Anderen und was die wohl gerade taten. Ich versuchte auf mich aufmerksam zu machen, doch aus meiner Kehle kam kein Ton und meine Hand blieb stumm auf der Bettdecke liegen. Die Anstrengung war zu viel für mich und meine Augenlider schlossen sich unaufhaltsam und mein Bewusstsein hörte auf zu arbeiten.

 

Stimmen. Ich hörte Stimmen. Zwar waren sie undeutlich, doch konnte ich erkennen, dass sie von niemanden von unserer Truppe stammte und war leicht enttäuscht. Während meines letzten Schlafes hatte ich neue Kraft geschöpft und konnte dieses Mal problemlos meine Augen öffnen. Die beiden Stimmen erklangen hinter dem Vorhang, der mir die Sicht verbarg und nur zwei Schemen von Personen zeigte. Nach den Stimmen zu urteilen, waren es ein Mann und eine Frau, welche ziemlich aufgebracht stritten.
„Wann wird sie endlich aufwachen, dass wir sie vernehmen können?“
„Das wissen wir nicht! Und es kann sich noch Tage hinziehen. Außerdem, wenn sie aufwacht, braucht sie erstmal Ruhe und kein Verhör! Hat das ihnen Doktor Radke nicht schon zig Mal gesagt?“
„Sie ist halt wichtig. Als Einzige kennt sie den Aufenthaltsort von den schlimmsten Terroristen und umso mehr Zeit vergeht, desto kälter wird unsere Spur. Das müssen sie doch verstehen.“
„Aber aus ärztlicher Sicht kann das hier niemand verantworten und deshalb gehen sie jetzt wieder!“
Stille, anscheint schien der Mann darüber nach zu denken, was er tun würde. Nach kurzer Pause ging er wortlos aus dem Zimmer gefolgt von der Krankenschwester.

Ich bin die Einzige die den Aufenthaltsort kennt? Welcher Aufenthaltsort?
Die Bilder drängten sich wieder in mein Bewusstsein.
- Genau, wir wollten irgendwo hin und hatten einen Unfall, deswegen liege ich im Krankenhaus, dachte ich.
- War es ein Unfall?
Ich schloss die Augen und sah wieder denn Mann, wie er sich über mich beugte und mein Gesicht berührte, während ich bewusstlos in meinem eigenen Blut lag. Auf eine unheimliche Art und Weise kam es mir bekannt vor. Aber das Blut… Nein, irgendwas war verkehrt. Meine Gedanken stolperten über noch etwas, aber ich konnte es nicht definieren.

- Wo wollten wir hin?
Mein Kumpel, ich sah ihn förmlich vor mir, er hatte von einer Vision gesprochen. Eine verlassene Lagerhalle, sehr weit entfernt und auf keiner Karte verzeichnet, mehr Informationen hatte ich nicht. So wie ich meine Mitstreiter einschätzte, würde der Unterschlupf zudem gut getarnt sein.
Ich seufzte resignierend. Mit diesen wenigen Anhaltspunkten würde die Suche nach meinem Kumpel zu einer Suche nach der Nadel im Heuhaufen werden. Falls ich hier überhaupt rauskomme, fügte der Pessimist in mir hinzu. Wenigstens konnte ich sicher sein, dass mein mir bevorstehendes Verhör die Ermittler enttäuschen würde. Mit mir als einzige Informationsquelle würden sie weiter im Dunkeln tappen.
Da viel es mir wie Schuppen von den Augen … Die Einzige! Ich schluckte.
Das hieß entweder, Fräulein Liebig und Rüdiger waren entkommen oder … Ich dachte kurz an das Bild der vollkommene Zerstörung, dass ich von meiner Außensicht gesehen hatte und schluckte noch einmal trocken.  
Nein daran wollte ich nicht denken, dass durfte einfach nicht sein.

Allein die Vorstellung versetzte mir einen tiefen Stich, gleichzeitig kam es mir unfassbar und unwirklich vor.

Ich war so in Gedankenvertieft, dass mir das Flackern der Neonröhre nicht auffiel. Doch als es plötzlich erlosch schrak ich hoch und blickte zur Decke. Auch meine Geräte schienen verrückt zu spielen, denn sämtliche Kontrolllampen blinkten durcheinander wie ein türkischer Tannenbaum.
So plötzlich wie es angefangen hatte, hörte es auch wieder auf nur die Lampe blieb defekt. Nichts passierte, also schenkte ich diesem kleinen Zwischenfall keine größere Beachtung. Beim Betrachten meiner kargen und steril gehaltenen Umgebung wunderte ich mich dennoch über die Maschinen. Auch wenn meine Medizinkenntnisse, von Hustentees abgesehen, gegen Null gingen, fiel sogar mir auf, dass etwas nicht stimmte. Ich fühlte meinen Puls und beobachtete die grünen Linien, danach konzentrierte ich mich auf meinen Herzschlag. Es passte nicht.
Doch bevor ich mir noch weiter den Kopf zerbrechen konnte, hörte ich wie jemand den Türgriff hinunter drückte. Für eine Schwester war das Tempo zu langsam und auch die rücksichtsvollste Schwester versuchte nicht, so leise zu sein. Es gab nur 2 Möglichkeiten entweder war dies ein gutes Zeichen und man versuchte, mich aus dem Krankenhaus zu bringen bevor die Ermittler Wind davon bekamen dass ich bei Bewusstsein war oder

vielleicht versuchten die Ermittler mich, trotz des ärztlichen Verbotes zu verhören.
Schnell schloss ich die Augen und versuchte flach zu atmen.

Der Unbekannte konnte höchstens ein  paar Schritte hinein geschafft haben, als die Stimme der Schwester ertönte.
„SIE schon wieder?! Hatte ich ihnen nicht ausdrücklich gesagt, dass niemand außer dem ärztlichen Personal zutritt bekommt? Nanu hier ist es ja duster.“ Dann stockte sie sie und nach einer kleinen Pause die, so wie es sich anhörte,  einem kleinen Gerätecheck beinhaltete, seufzte sie erleichtert. „Nur eine defekte Glühbirne, Die Maschinen arbeiten einwandfrei. Gott sei Dank, dass hätte uns grade noch gefehlt. Einen Geräteausfall hätte sie sicher nicht überlebt. Warten sie bitte draußen, in ihrem jetzigen Zustand brauch sie Ruhe. Ich werde den Hausmeister beauftragen, sich alles noch mal genau anzusehen und die Glühbirne zu wechseln. Wenn ihr Zustand in ein paar Stunden  immer noch nicht gebessert hat, dürfen sie rein. Aber solange wir noch die Hoffnung haben, dass sie aus dem Koma erwacht, bleiben sie bitte im Warteraum. Wir werden sie dann informieren.“
Sie schob den Unbekannten zur Tür hinaus.


Es machte keinen Sinn.
Ich lag nicht im Koma, und selbst wenn, warum durfte ich jetzt niemanden empfangen, aber wenn es keine Hoffnung auf Besserung gab?
Ich dachte an das Knochenheil-Solarium.
Wie matsch musste ein Mensch in dieser Zeit sein, dass er nicht wieder geflickt werden konnte? Ich schauderte. Und wie lange konnte man einen so gut wie toten Körper am Leben erhalten und warum sollte man das tun?
Die brauchen nicht mich, sondern nur mein Gehirn, schoss es mir durch den Kopf.
*Klick*
Schnell schloss ich die Augen.
Dass konnte doch nicht wahr sein, schon wieder trat jemand ins Zimmer.
Hoffentlich ist es niemand, der es auf mein Gehirn abgesehen hat, dachte ich verzweifelt und hatte mühe ruhig zu atmen.

„Hey Schlampe, wenn du die Augen noch mehr zukneifst und noch lauter atmest, nimmt man dir die Komapatientin fast ab“ sprach eine Stimme an mich gewannt.

Mist, meine Tarnung ist aufgeflogen, jetzt ist alles gelaufen, dachte ich und verkrampfte mich noch mehr.
“Ironie hattet ihr an eurer Schule auch nicht, oder? Jetzt hör mal kurz auf mit dem Theater, wir haben nicht viel Zeit.“ Sprach sie weiter.
Das hört sich ja fast so an, als wäre die Person auf meiner Seite, dachte ich und öffnete verwundert die Augen.

Vor meinem Bett stand ein Kerl im Blaumann auf einer Trittleiter und schraubte die Abdeckung der Lampe ab. Er erinnerte mich leicht an den Hausmeister von Scrubs, aber richtig einordnen konnte ich ihn nicht.
„Wer bist du?“ fragte ich ihn schließlich.

Er hörte mit seiner Arbeit auf und sah mich mit hochgezogener Augenbraue an.
“Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“ er seufzte und sah mich an, als wär ich bekloppt.
„Wie alt bist du?“ fragte er mich nach einer Pause.

„ Bin im Sommer grad 20 geworden“ entgegnete ich und wartete auf eine Reaktion von ihm, aber es kam keine. Er schraubte weiter und schien zu überlegen.
„Wir haben nicht viel Zeit, dein komischer Freund kann hier jeden Moment wieder reingeschneit kommen. Also der Plan sieht folgendermaßen aus, die Geräte sind so präpariert, dass sie die Werte einer im Koma liegenden Person ausspucken. Du müsstest mittlerweile fit genug sein, hier allein raus zukommen…“ er sah in meine Richtung und wartete ein Nicken ab. Dann zog er einpaar Gegenstände aus der Lampe hervor und warf sie aufs Bett. Ich erkannte einen der Knöpfe, die einem ein anderes Gesicht gaben, weiße Kleidung und ein rundes Metallgerät.
Ich hob die kleine Metallkugel hoch und betrachtete sie von allen Seiten.
„Dieses kleine Wundergerät erstellt ein Hologramm von dir, damit niemanden auffällt, dass das Bett leer ist. Hat Kevin gebastelt.
Die Klamotten gehören einer Schwester, noch ein Grund warum wir hier schnell verschwinden sollten. Ich will nicht mehr hier sein, wenn ihr auffällt, dass ihr Schrank aufgebrochen ist. Ich wurde gründlich untersucht, bevor ich den Raum betreten konnte. Wir hatten schon damit gerechnet, dass die Sicherheitsmaßnahmen nicht grade gering ausfallen würden.
Zum Glück hatten wir Insiderinformationen und wussten, in welches Zimmer du verlegt werden würdest. Deswegen hab ich die Sachen heut morgen hier verstaut. Als du wieder so weit regeneriert warst, dass ärztliche Hilfe nicht mehr dringend erforderlich war, hat das kleine Wundergerät permanent Magnetwellen ausgesendet, die die Geräte entsprechend manipuliert hat. Im ganzen Krankenhaus gibt’s keinen Arzt, der bei diesen Werten davon aus geht, dass du ohne Hirnschäden davon gekommen bist, geschweige denn einen der glaubt, es bestände Fluchtgefahr. Deshalb ist die Bewachung reduziert worden und genau das ist unsere Chance.
Du legst du das Gerät mit dem roten Knopf nach oben und betätigst ihn zusammen mit dem blauen der Rückseite. Das Hologramm braucht einen Moment bis es hochgefahren ist.
Ich muss gleich verschwinden, wenn du zweimal den Schrei eines Teichhuhns hörst ist die Luft rein. Vorher solltest du aber deine Sachen wechseln. Ich denke Größe 44 passt dir oder?“ er grinste mich an und ich sah auf die Krankenschwesteruniform.
„Etwas klein aber wenn ich die Luft anhalte müsste es gehen.“ Gab ich säuerlich zurück.
„War das Ironie? Ich glaub ich bin bei der falschen Patientin“ er lachte hell. „Welchen komischen Freund meinst du und wie hört sich ein Teichhuhn an?“
„Ich mein den Kerl mit den… na, etwas lichteren Haar. Der könnte ein Problem werden, ein Hologramm kann man zwar sehen aber nicht anfassen.“
Ich erbleichte. „Anfassen, der hat mich während ich bewusstlos war…“ „Nein hat er nicht, ich hab doch gesagt die Sicherheitsvorkehrungen sind gut. Mit seinem Wisch kommt er zwar an den Polizisten vorbei, aber die Schwestern sind scharf wie Bluthunde. Ich muss jetzt weg, es ist nicht grad unverdächtig wenn ich hier beim Glühbirnenaustauschen Wurzeln schlag. Außerdem solltest du dich auch beeilen und ich bin nicht grad wild drauf noch im Raum zu  sein wenn du dich umziehst“
Er nahm mir die Metallkugel aus der  Hand drückte einen kleinen Knopf neben dem großen Roten und das Licht ging wieder an. Zufrieden warf er mir den Gegenstand wieder zu und räumte sein Werkzeug zusammen. „Und den Ruf eines Teichhuhn erkennst du, wenn du ihn hörst.“ Sagte er beim Gehen ohne sich noch einmal umzudrehen.

Nun befand ich mich wieder allein im Zimmer.
Ich drückte die Knöpfe der Metallkugel und sah dabei zu wie sich langsam Pixel für Pixel die Gestalt meines Oberkörpers im Bett aufbaute.
Schnell zog ich mich um und betrachtete die Sachen verwundert.
So groß sahen sie gar nicht aus und noch viel schlimmer, sie passten!
Ich reckte den Hals um das Etikett der Hose lesen zu können. Es war meine Größe, er hatte mich verarscht und ich hatte es ihm abgenommen.
Mein Bauchgefühl sagte mir, dass es nicht das erste Mal gewesen war und dass er wusste, dass ich genau so reagieren würde. Trotzdem konnte ich mich nicht an ihn erinnern.
Er war definitiv kein Sozi und kein Öko, aber ein Techniker irgendwie auch nicht. Vielleicht hatte ich ihn an der Uni getroffen, aber in der kurzen Zeit die ich vor meiner Zeitreise dort hatte, konnte ich mir grade mal ein paar Namen merken und das waren hauptsächlich Mädels gewesen.
Selbst wenn ich ihn da flüchtig gesehen hätte, seit dem sind in dieser Zeit viele Jahre vergangen und die Menschen haben sich verändert.
Es machte keinen Sinn weiter zu grübeln, erstmal musste ich hier raus kommen und dass würde schon schwer genug werden.
Wenn ich das geschafft hatte, konnte ich ihn immer noch fragen.

Nach dem ich den Knopf hinterm Ohr befestigt und aktiviert hatte, war ich soweit startklar aber wo sollte ich die alten Kleidungsstücke lassen? Mein Blick fiel auf das Hologramm, das nun täuschend echt aussah. Es stellte meinen Oberkörper dar, meine holografischen Arme lagen auf der Bettdecke nur an den Beinen sah man den Unterschied.
Sie konnten nicht dargestellt werden, da sie ja auf der Oberfläche der Bettdecke gelegen hätten. So war ich bis zum Anfang der Bettdecke in 3D zu sehen und dann lag die Decke flach da. Das war die Lösung, ich nahm meine alten Klamotten und stopfte sie unter die Decke, so dass sich der Abdruck meines vermeintlichen Unterkörpers abzeichnete.
Ich war grade fertig als ich ein schnatterndes Geräusch vernahm.
Das Teichhuhn!
Ich lief zur Tür, öffnete sie leise und späte in den Flur. Niemand war zusehen also schlich ich aus dem Raum.
Der Flur war wie leergefegt, es fehlte nur noch das Zirpen von Grillen und man hat die perfekte Neuzeitkulisse einer verlassenen Geisterstadt.
Wie auf Abruf zirpten tatsächlich in der Ferne ein paar Grillen und ich erschauderte während ich in Gedanken bei Zombiefilmen war. Es fehlte nur noch der Schriftzug – Umbrella Cooperation- und das Horrorfilmszenarium  wäre komplett. Das Zirpen wurde lauter und vereinzelnd mischten sich Schrei unter die Geräuschkulisse.
„Sie kommen aus dem Lüftungsschacht! O mein Gott hier ist alles voll, ruft einen Kammerjäger!“
Plötzlich öffnete sich auf der linken Seite des Korridors eine Tür, allem Anschein nach die Herrentoilette, und einer der Wachmänner trat hinaus. Verwundert lauschte er dem Durcheinander von Geräuschen und dann sah er mich an.  Ich hoffte inständig dass meine Tarnung ausreichte und wollte einfach an ihm vorbei gehen. Ich hatte ihn bereits hinter mir gelassen als seine Stimme mir „Ahh Schwester….“ hinterher rief.

Ich drehte mich mit einem übertrieben-freundlichem Lächeln zu ihm um. „Ja?“ Er schielte auf mein Namensschild und setzte erneut an.
„Schwester Ahlers, wie ist ihr Zustand? Gehe ich Recht in der Annahme, dass sie eben bei der Patientin waren? Sobald sich ihr Zustand stabilisiert hat, werden sie uns doch unverzüglich benachrichtigen?“
“Schlecht, ja und natürlich wieder ja.“ Entgegnete ich knapp und setzte meinen Weg fort. Meine Finger hatten fast die Tür erreicht um sie aufzudrücken, als sie wie von Geisterhand aufschwang. Ein zweiter Wachmann mit einer Tasse Kaffee in der Hand erschien. Er öffnete den Mund und ich beantwortete ihm seine noch nicht gestellte Frage.
„Ihr Zustand ist immer noch unverändert, meine Herren.“
Verblufft sah mich der Kaffeeträger an, dann glitt sein Blick an mir vorbei  traf sich mit dem des ersten Beamten. Seine Miene verfinsterte sich und der Mann vor dem Klo schien es auf einmal eiliger zu haben.

„Kann ich mir nicht einmal einen Kaffee holen und mich darauf verlassen das du wache schiebst?“
Die Gelegenheit war günstig, also nutzte ich sie und drückte die Schwingtür des Korridors auf. Sie prallte gegen ein Hindernis und ich vernahm ein „Autsch!“
Ich drückte vorsichtiger gegen die Tür und diesmal war das Hindernis verschwunden.
„Ganz schön hektisch hier, nech“ hörte ich jemanden von der anderen Seite sprechen. Der Mann hielt mir die Tür auf, lächelte freundlich und wollte sich an mir vorbei schieben.

„Nur für Personal“ prangerte in Übergröße an der Tür, die sich von außen scheinbar nur mit einer entsprechenden Chipkarte öffnen ließ. Ich sah ihn an und erkannte den Mann, dem ich vor der Explosion gesehen hatte.

„Warum?!“ flüsterte ich fast, eher zu mir selbst als zu ihm.
Es machte keinen Sinn. Wieso? Wieso grade ER? Das konnte nicht sein! Das würde er nie tun, es musste eine andere Erklärung geben.“
„Warum? Na haben sie das nicht mitbekommen? Die scheinen hier n kleines Ungezieferproblem zu haben. Da hinten ist vielleicht ein Theater. Frauen halt, sehen ein Krabbelvieh und stellen sich gleich kreischend auf dem höchsten Stuhl.“
Er hatte mich nicht verstanden, wie auch, ich war ja perfekt getarnt.
Ich musste an die Worte des Hausmeisters denken.
- Ein Hologramm kann man zwar sehen aber nicht anfassen. -
Sicher war er krank vor Sorge. Aber ich musste ihn aufhalten denn, wenn er ins Krankenzimmer gelangen sollte und feststellt dass dort nur ein Hologramm lag, würde es sicher Probleme geben.
So Leid es mir tat, ich durfte ihm nicht sagen, dass ich munter vor ihm stand.
„Wo wollen sie denn hin?“
Ich war mir nicht sicher ob er mein Namensschild länger als nötig betrachtete, oder ob er eher an dem Inhalt meiner Bluse interessiert war, doch schließlich schaffte er es in Augenhöhe zu sehen.
„Ach Schwester Ahlers, nun sein sie doch nicht so.“
Es tat mir so Leid, aber ich durfte ihn nicht durchlassen. Vielleicht kann ich ihn wenigsten beruhigen, dachte ich und erwiderte sein Lächeln.
„Es geht wirklich nicht, glauben sie mir, ich würde sie gern gehen lassen aber ich habe meine Anordnungen. Aber falls es sie beruhigt, ihrer Freundin geht es schon wesentlich bessrer. Geben sie die Hoffnung nicht auf, vielleicht können sie bald mit ihr sprechen.“
Ich legte ihm aufmunternd meine Hand auf die Schulter.
Das Lächeln verschwand und sein Gesichtsausdruck wurde härter. Es schien ihn sehr getroffen zu haben, dass er mich nicht sehen durfte, dachte ich. Am liebsten hätte ich ihn in die Arme geschlossen und getröstet. Er machte sich ganz um sonst Sorgen und ich durfte ihm nicht helfen.
“Meine Freundin? Ich weiß ehrlich gesagt nicht woher sie diese Informationen haben, aber sie sind nicht korrekt. Ich kenne die Patientin in der Tat, aber ich bin nicht aus privaten Gründen hier. Das einzige was mich interessiert ist diese Ermittlung. Das die Patientin in naher Zukunft wieder in der Lage sein soll, zu sprechen bezweifle ich jedoch. Um die Ermittlungen nicht zu gefährden müssen ich und mein Team zu ihr, bevor der Hirntod eintritt. Man hatte mich in Kenntnisse gesetzt, dass es in spätestens einer halben Stunde so weit wäre. Ich möchte keinen Datenverlust riskieren, darum verstehen sie bitte dass ich schnellstmöglich die Genehmigung zum Eingreifen benötige. Ich erledige nur meine Arbeit und dass sollten sie auch tun. Unnötig falsche Hoffnungen wecken hilft keinem.“
Ich sah ihn geschockt an und war mir nicht sicher, ob er gut Schauspielerte oder ob dass wirklich sein Ernst war.
“Ist noch etwas?“ fragte er mich, da ich immer noch mit weit aufgerissenen Augen und runter gefallener Kinnlade in der Tür stand.
Stumm schüttelte ich den Kopf, konnte den Blick aber nicht abwenden.

Ich war so baff, dass ich ihm wahrscheinlich sogar die Sicherheitstür aufgehalten hätte.

Manchmal, wenn alles total verrückt und sinnlos erscheint, sind es noch verrücktere Sachen die einem wieder zurückholen.
In diesem Fall der Ausruf: „Ist das ein Leguan?!“
Ich blinzelte und sah tatsächlich einen schuppigen grünen Kopf, der um die Ecke des Flures schaute. „Scheint so.“ antwortete ich ihm ungerührt.
“Die Hygienestandards scheinen ja hier nicht sonderlich hoch angesetzt zu sein. Nicht genug, das sie mit einer Insektenplage zu kämpfen haben, jetzt laufen hier auch noch Reptilien rum. Ich bin nur froh hier kein Patient zu sein, auf die Chitineinlage im Salat kann ich verzichten.“ empörte er sich. Ich sah erneut zur Ecke und stellte fest, dass keine Spur mehr von der Echse zu sehen war. Dafür könnte ich schwören, dass sich die Abdeckung des Lüftungsschachtes langsam senkte. Mittlerweile hatte mein Gegenüber deutlich an Lautstärke zugelegt. Jemand mit weißem Kittel mischte sich ein. „Kann ich ihnen behilflich sein?“ fragte er den Mann in der Tür.
“Dr. Radke, natürlich können sie das. Ich bräuchte nur eine kleine Unterschrift, dann kann ich endlich meiner Arbeit nachgehen.“

Der Mann mit Kittel seufzte laut.
„Darüber haben wir doch schon gesprochen. Ihr beruflicher Ergeiz in allen Ehren, aber ich gebe mein Einverständnis erst, wenn es medizinisch vertretbar ist“

„Nun hören sie mir mal gut zu, ich brauche die Genehmigung, sofort. Wissen sie eigentlich wen sie vor sich haben? Mit dem, was ich hier gesehen hab, könnte ich veranlassen die Klinik zu schließen! Die Insekten und erst die Reptilien hier!“
Der Arzt zog skeptisch eine Augenbraue hoch und fragte in einem fragenden Ton „Reptilien?“

„Ja, da drüben, der Leguan…“ er stockte kurz, als er bemerkte, dass an der Stelle wo sein ausgestreckter Zeigefinger hinwies kein Leguan zu sehen war. „Der Leguan, er ist bestimmt nur um die Ecke gekrochen.“
Schon war er um die Ecke gebogen, wo er gestikulierend stehen blieb.
„Hier war ein Leguan, ganz sicher. Sie hat ihn auch gesehen!“
Er deutete auf mich.

Ich lächelte verständnisvoll. „Natürlich, der Leguan. Wir sind auf ihrer Seite, alles wird gut.“ Er starrte mich entsetzt an. 
„Diese Stimme, die Sozistimme! Du bist nicht Tod! Das ist alles eine große Verschwörung!“
Ich wechselte einpaar viel sagende Blicke mit dem Arzt und dieser nickte kurz. „Natürlich ist sie nicht Tod, Schwester Ahlers geht es fantastisch. Ihnen würde es vielleicht auch gleich viel besser gehen, wenn sie sich etwas Ruhe gönnen. Haben sie überhaupt geschlafen, seit die Patientin eingeliefert wurde?“
„Natürlich nicht! Ich habe ihnen doch bereits gesagt, wie wichtig die Ermittlungen sind und das ich vermute, dass etwas nicht stimmt. Sie haben mir nicht geglaubt aber ich hatte Recht! Sie ist wach und steht direkt neben Ihnen.“ Er hatte immer noch den Finger auf mich gerichtet und funkelte mich mit zusammengekniffenen Augen böse an.
„Nein, dies ist Schwester Ahlers, nicht die Patientin. Ich kann verstehen, dass sie aufgebracht sind, weil sie Ihnen den Zutritt verweigert hat. Aber ich versichere Ihnen, dass sie nur das Beste der Patientin will.“
“Sie will nicht das Beste der Patientin, sie ist die Patientin. Nur getarnt! Ich habe ihre Stimme erkannt. Reden sie nicht mit mir, als wäre ich nicht ganz richtig im Kopf. Ich sehe glasklar was hier gespielt wird, leider scheine ich der einzige zu sein der nicht blind ist. Dann muss ich das wohl selber in die Hände nehmen…“ er trat einen Schritt auf mich zu.
Der Arzt schob sich schützend zwischen uns und ich dachte nur, wenn Blicke töten könnten läge ich jetzt wirklich auf der Intensivstation.
Woher kam nur der ganze Hass?
Durch die Abifahrt war alles etwas komplizierter geworden, aber das würde sich schon wieder legen. Die letzten Worte die ich mit ihm gewechselt hatte, waren die üblichen, Gute Nacht und *wink*.
Der Arzt hatte bereits seinen Pager in der Tasche betätigt und zwei Pfleger steuerten auf uns zu und positionierten sich neben ihm.
“Sie sollten sich wirklich etwas Ruhe gönnen, die beiden freundlichen Herren begleiten sie gerne.“ Setzte der Arzt wieder an, doch da schnellte der Mann schon nach vorne und packte mich am Ärmel. Noch bevor er mich an sich ran ziehen konnten stürzten die beiden Pfleger auf ihn und überwältigten ihn. Routiniert setzte einer der Pfleger dem, sich wehrenden Mann eine Spritze und schon wenig später wurde die Gegenwehr weniger.
“Es tut mir Leid, dass sie das gleich an ihrem ersten Arbeitstag erleben müssen. Normalerweise ist es bei uns etwas ruhiger, nur im Moment läuft alles schief.“ sprach der Arzt in einem entschuldigenden Tonfall zu mir.

„Ich glaube er kannte sie…“ murmelte ich.

„Das hab ich mir auch schon gedacht. Das würde auch seinen Übereifer erklären. Er verdrängt ihren Zustand und sieht sie in Ihnen, klare Abwehrreaktion. Wir haben hervorragende Leute auf diesem Gebiet, wenn er bereit ist mitzuarbeiten wird es ihm bald wieder besser gehen. Ich hoffe nur, dieser Zwischenfall handelt uns keinen Ärger mit den Ermittlern ein. Er scheint ein wichtiger Kontaktmann gewesen zu sein, zumindest hat er dass sämtlichen Schwestern und Praktikantinnen erzählt.“ Er lächelte.

„Wird sie durchkommen?“ fragte ich. Ich hatte die Frage grade ausgesprochen, da wurde mir bewusst wie dumm sie war. Natürlich wird sie durch kommen, schließlich ist die Rede ja von mir.
“Sie haben ihren Zustand ja selber gesehen. Natürlich können wir den Körper noch lange am Leben erhalten, doch ich denke damit tun wir niemanden einen Gefallen. Es ist fast aussichtslos, aber solange es nur fast aussichtslos ist, spaziert hier kein Ermittler rein und vergreift sich an meinen Patienten.“
Ich sah ihm an, wie ernst er das meinte und hatte plötzlich großen Respekt vor diesem Mann. Menschen mit so viel Courage sollte es viel mehr geben. Ich hoffte, dass er wegen meinem Verschwinden keinen Ärger bekommen würde.
„So, nun muss ich mich aber schleunigst wieder um meine Patienten kümmern.“ Sagte er schließlich, lächelte mir noch einmal zu  und verschwand mit eiligen Schritten um die Ecke.
Die Tarnung war perfekt gewesen, das Schlimmste überstanden und nun musste ich nur noch hier raus finden. Hört sich ganz einfach an, war es aber nicht. Mein Orientierungssinn ließ mich natürlich wieder völlig im Stich. Ein paar söße Neugeborene und gesprächige Alte später stand ich endlich vorm Fahrstuhl und konnte auf das lang ersehnte E drücken.
Im Erdgeschoss angekommen konnte ich die Freiheit fast riechen.

Ich schnupperte noch mal und kräuselte die Nase.  Ich war direkt in einen Häufen irgendwas getreten und was es auch war, es roch nicht gut.
Also verließ ich schnell das Gebäude und versuchte den Rest der braunen Masse im Gras abzuwischen. Wer lässt seinen dämlichen Köter in die Eingangshalle n Haufen machen, schimpfte ich mehr zu mir selber.
Ein heiseres Lachen ertönte. Im Baum über mir saß ein hünenhafter Mann, in einer Hand hielt er ein Bier im anderen Arm hielt er den Leguan und auf dem Rücken trug er einen Rucksack aus dem Blätter schauten.
„Von wegen Köter, du bist astrein in Iguana-Iguana- Scheiße gelatscht. Sei froh dass es der kleine Leguan war, die könne bis zu 2 Meter lang werden.“ Er grinste breit übers ganze Gesicht, sprang vom Ast und reichte mir seine riesige Hand. „Na wieder fit?“
Ich schüttelte seine Hand und nickte. Wer auch immer er war, alleine das Wacken T-Shirt machte ihm sympathisch.
„Hey Tarzan, warst du das im Lüftungsschacht?“
„Jo, einer musste ja auf dich aufpassen und etwas Verwirrung schaffen.“ „Du kennst mich?“
„Ich weiß zumindest wer da hinter der Maske sein sollte.“
„Und nun?“ fragte ich. Er warf mir ein Bier zu.
„Zu mir und n paar DVD´s schauen?“
Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet, aber es hörte sich definitiv besser an, als alles andere was mir eingefallen wär.
“Okay“ antwortete ich ihm und schon ging´s los.

Eigentlich hatte ich erwartet dass wir in einen Jeep hüpfen und losrasen. Stattdessen deutete der Unbekannte auf einen Drahtesel, der am Krankenhauseingang lehnte.
„Auf dem Gepäckträger!?“ fragte ich unsicher.
„Klar, ich denke nicht das du lieber mich auf den Gepäckträger nehmen würdest, oder?“
Ich sah ihn abschätzend an. „Ne, ich befürchte dann kippen wir gnadenlos um. Also gut. Aber fahr vorsichtig.“
In den nächsten Minuten war ich damit beschäftigt, meine Augen zuzukneifen, mich am Sattel festzukrallen und zu hoffen, dass jene bunten Schemen die wir überholten nicht wirklich Autos waren. Wie durch ein Wunder, kamen wir heil bei ihm an. Als ich die Wohnung betrat, kam ich mir vor wie in einem Urwald. Überall wuchsen Pflanzen, hinter der Heizung zirpten Grillen und ein dutzend Reptilienaugen schienen einen zu beobachten.
„Wie heißt du eigentlich richtig?“ fragte ich ihn.
Erstaunt schaute er mich an. „Erst hast du mich noch erkannt und nun kannst du dich nicht mehr erinnern? Geil, hast du noch mehr Pillen aus dem Krankenhaus?“ wieder lachte er schallend.
Hinter einer Palme kam ein Sofa mit mehreren Gestalten zum Vorschein.

„Hey Schlampe, könntest du deinen Hintern etwas weiter zur Seite positionieren? Danke“ Ich drehte mich um, zwischen Farnwedeln schaute ein Fernseher hervor auf dem South Park lief.
Dort erkannte ich den Hausmeister, zwei blonde Männer, einer mit Snooker-Prince-delux Jacke und der andere mit einem HSV Schal.
“Hey Märään!“ begrüßte mich der Snooker-Jackenträger.
Eine 4. Person, die ich bisher von einer Bananenstaude verdeckt gewesen war, saß mit geöffneten Augen regungslos auf dem Sofa.
„Was ist mit ihm?“ wollte ich wissen.
„Pssst!“ kommentierte der Hausmeister.
„Ich wollte doch nur wissen was…“ „Pssst! Klappe!“
Als in der nächsten Werbepause das 5. Mal das Handy-Realklingeltonhologramm des rülpsenden Schmetterlings auftauchte, erwachte die Regungslose Statur neben mir zum Leben. Eine Stimme hallte hell durch den Raum.
„Laden sie bitte ihr Guthaben auf um weiterspielen zu können. Vielen Dank für ihren Besuch und bis bald. *piiiiiiep*.“
 „Mist!“ fluchte die 4. Person und sah sich um. „Naja, dann können wir ja jetzt los um…“ er schaute mich erstaunt an. „Öhm ja… Du bist ja schon hier?! Welcher Tag ist heute?“ fuhr er weiter fort.

„Dienstag, verdammt, es ist Dienstag!“ kam es vom Hausmeister.
„Du hast 3 Tage lang durchgezockt und das letzte was du gesagt hast, bevor du nicht mehr ansprechbar warst, war – Nur noch 5 Minuten-. Das ist jetzt zwei Tage her.“ Ergänze der Snooker-Prince-Delux-Jackenträger.
“Na dann. Wie lange bist du eigentlich schon hier?“ fragte er mich. „Ungefähr eine halbe South Park Folge“
“Die Alten“ mischte der Hausmeister sich ein.
“Die Alten?“ fragte ich. „Jo, die Neuen sind dermaßen zensiert, dass ihre Länge höchstens noch 10 Minuten beträgt. Das hat man dann natürlich mit Werbung ausgeglichen.“ Der HSV-Schalträger nickte traurig doch dann fing er an zu grinsen und deutete auf den Hausmeister.
„Oder dachtest du, er wäre wegen dir hier?“ fragte er mich.
Ich zuckte ratlos mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich kenn euch nicht.“ Es herrschte Stille im Raum, bis der Hausmeister sie brach.
„Hab ich es nicht gesagt? Sie hat keine Ahnung.“ er lachte und zappte ohne aufzusehen weiter im Fernsehen.
„Und warum bist du dann mit Tarzan mitgegangen?“ wollte der Snooker-Prinz-Delux-Jackenträger wissen. Ich sah kurz zu dem hünenhaften Mann hinüber und zuckte wieder mit den Schultern.
„Er hatte n Wacken T-Shirt an und Bier dabei. Das machte ihn irgendwie sympathisch.“
„Oh Mann. Dich kann man auch mit nem Lolli entführen, oder?“
Der Jackenträger fasste sich mit der Hand an den Kopf und schüttelte diesen.
„Ich hab keine Ahnung was hier vor sich geht, wie ich ins Krankenhaus rein oder raus gekommen bin, warum oder wer ihr seit. Ich weiß nicht mal ob die anderen Autoinsassen überhaupt noch leben. Die Aussichten auf ein Bier und einen ruhigen Videoabend war besser, als alles andere was ich außerhalb des Gebäudes allein und ohne Plan hätte machen können. Es tut mir Leid, aber vielleicht versteht ihr dass ich im Moment einfach etwas überfordert und total verwirrt bin.“
„Das ist nix ja nix Neues.“ kommentierte der Hausmeister trocken.
„Also, dann lass mich mal Licht ins Dunkel bringen“ begann der grade erwachte Mann.  „Mit Autoinsassen meist du wahrscheinlich den leichtgläubigen Kerl und eine … etwas lautere Frau? Denen geht es den Umständen entsprechend Recht gut.“
Sie lebten, dass war eine fantastische Nachricht.
„Den Umständen entsprechend gut? Das ist ja mal ne eindeutige Antwort. Welche Umstände und wie gut denn?“
„Also dieser Rüdiger ist was zu Futtern besorgen. Mehr oder weniger freiwillig.“ 
„Mehr oder weniger freiwillig?“
„Sagen wir mal, die Münze hat entschieden.“ Er lachte heiser.
„Und Fräulein Liebig?“ fragte ich weiter.
“Also ich war ja dafür, sie in der Abstellkammer einzusperren.“ Warf der Hausmeister ein, er verstummte aber sofort wieder, als ihn die bitterbösen Blicke der anderen trafen. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie das Zusammentreffen der beiden ausgesehen hatte und war froh, nicht dabei gewesen zu sein.
„Ihr geht’s super, sie ist auf dem Weg zu den Anderen ein paar Sachen klären und dann bekommt sie eine neue Identität gebastelt um abzutauchen.“
“Apropos andere Identität, wie habt ihr dass eigentlich mit meiner Tarnung gemacht? Das war großartig.“
“Kevin hat sich in den Rechner der Verwaltung gehakt. Praktischerweise hätte heut eine neue Schwester angefangen. Sie wurde natürlich umgehend benachrichtigt, dass ihr erster Arbeitstag um eine Woche verschoben wurde. Anhand des gespeicherten Bewerbungsfotos konnte er das passende Gesicht konstruieren.
Guter Plan, nächste Woche würde es zwar definitiv Fragen aufwerfen, aber bis dahin hatten wir sicher ne Lösung oder waren über alle Berge, dachte ich anerkennend.
“Aber eins versteh ich nicht, wozu der Leguan und die anderen Viecher?“ wandte ich mich an Tarzan.
„Also der Leguan ist mir abgehauen.“ er lachte. „Die Insekten brauchten wir um etwas Verwirrung zu stiften. Als der Ruf nach Kammerjägern lauter wurde kamen wir grade Rechtzeitig mit unseren Männern inkognito. Wenig später waren sämtliche Kameralinsen im Eingangsbereich mit Chosen Few und HSV-Stickern bedeckt und im Rekorder des Überwachungsraumes lief ne Endlosschleife des gestrigen Tages.“ erläuterte er.
„Ein Glück, dass beide Beamten ihren Posten verlassen haben“ ergänzte ich, doch wieder wurde ich korrigiert.
„Glück? Das waren eher Tarzans Chemiebaukasten würde ich sagen.“ Der Gamer grinste. „Schon scheiße, wenn man als einziger am Posten Flitzekacke bekommt.“
„Was zum Henker ist….“
Ich überlegte einen Moment und entschied mich dafür, es gar nicht so genau wissen zu wolle, wenn es dass war, wonach es klang. Ein Themenwechsel war mehr als angebracht und da gab es immer noch dutzende von Fragen die mir unter den Nägeln brannten.
„Woher wusste der Hausmeister eigentlich, in welches Zimmer ich verlegt werden würde? Er meinte irgendwas von Insiderinformationen…“
Die Anderen brüllten los vor Lachen.
„Der Hausmeister? O man, ich hab doch gesagt die Tarnung ist perfekt!“ grölte der Schalträger. Der Nicht-Hausmeister schaltete den Fernseher aus und drehte sich betont ruhig um.
„Du hältst mich nicht im Ernst für den Hausmeister, oder?!“
Das Gelächter wurde noch Lauter und ich sah ihn unschlüssig an.
„Ich kenn weder euch noch eure Namen und fragen konnte ich bisher auch nicht, weil DU ja fernsehen musstest!“
„Ist das ein Problem?“ entgegnete er.
„Ja, ist es!“ warf ich sauer zurück.
„Oh man, großes Kino, alles wie früher! Dann ist unser Pärchen ja wieder vereint.“ Ich starrte den Schalträger an.
“Pärchen?“ fragte ich erschrocken.
Bisher hatte ich angenommen, dass zwischen mir und meinem Kumpel in der Zukunft was gelaufen war. Ich konnte zwar weder mein noch sein Zukunfts-Ich fragen, aber es sah alles danach aus.
Aber auch im hier und jetzt hatten uns die letzten Tage noch mehr zusammen geschweißt. Mittlerweile waren zumindest auf meiner Seite Gefühle, die über den Freundschaftsbegriff deutlich hinausgingen.

Mein Kumpel… Was er jetzt wohl machte.
“Wir hatte einfach Insiderinformationen.“ Gab der Nicht-Hausmeister von sich und verschwand ohne sich noch einmal um zu sehen das Zimmer. „Nimms nicht persönlich, er ist immer so.“ bemerkte der Schalträger. „Komischer Kerl, egal. Sagt mal, wer ist denn eigentlich dieser Kevin? Ihr habt ihn schon so oft erwähnt…“
Man hörte nur noch das Zirpen der Grillen und die Kerle standen mit offenem Mund da.

7.6.09 16:15

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